Gelungene Fortsetzung - absolute Leseempfehlung!
Eine ziemlich düster und durchaus nicht ganz ungefährlich wirkende Szenerie in Hamburgs Altstadt. Die Straßenlaternen spenden nur schummriges Licht; ein Herr in Anzug und Zylinder geht schnellen Schrittes auf eine Dame in vornehmer Kleidung zu. Beim Betrachten meint man, die Geräusche seiner Schuhsohlen auf dem Straßenpflaster hören zu können. Was hat dieser Mann vor? Führt er Böses im Schilde? Oder trifft er einfach nur heimlich die Dame seines Herzens in den abendlichen Gassen Hamburgs?So manche Gedanken gehen dem Betrachter durch den Kopf, wenn er das Cover dieses historischen Kriminalromans länger anschaut. Hält man das Buch fast senkrecht, erscheint das Bild, welches das Cover ziert, dunkel und bedrohlich. Legt man das Buch vor sich auf den Tisch meint man, die Laternen würden sofort etwas heller leuchten und die ganze Szenerie erscheint freundlicher. Sogar das Gesicht der Dame im vornehmen Kleid lässt sich erahnen.Der Wiedererkennungswert des Covers ist hoch; sofort weiß man, welch einen Schatz man hier in den Händen hält. Ja, Ralf H. Dorweiler hat wieder zur Feder gegriffen und wie bereits im Herbst 2024 angekündigt, den zweiten Band seiner historischen Kriminalreihe rund um Criminalcommissar Hermann Rieker und Johanna Ahrens, Tochter eines angesehenen Hamburger Richters, veröffentlicht.Giftgrün ziert der Titel "Die Farbe des Bösen" das Cover und man ahnt (voller Vorfreude): Das Morden im Norden geht weiter...Schon mit dem Prolog schafft es Ralf H. Dorweiler, den Leser mitten ins dramatische Geschehen zu ziehen. Vielleicht sitzt man noch gar nicht richtig bequem oder wollte sich zwischendrin noch ein Glas Wasser holen - aber keine Chance, denn die ersten Sätze wirken bereits wie ein Magnet, werfen den Leser sofort ins Hamburg des ausgehenden 19. Jahrhunderts und man ist gezwungen, den Geschehnissen mit klopfendem Herzen zu folgen. Man kann einfach nicht aufhören zu lesen; und ganz ehrlich, man will es auch gar nicht. Lesen und versinken, mitfiebern und staunen, erschaudern und begreifen, dass das, was uns heute so selbstverständlich vorkommt, vor nicht allzu langer Zeit hart erkämpft werden musste.Hier möchte ich eine Stelle aus der Danksagung des Autors, die am Ende des Buches zu finden und - ich gestehe, wie immer von mir als Erstes gelesen wurde - zitieren: "Arbeitsschutz und Arbeiterrechte spielten 1887 nur eine marginale Rolle. Die Sozialisten, die sich für die Arbeiterschaft einsetzten, sah man als politische Gefahr, und Reichskanzler Otto von Bismarck versuchte, ihr weiteres Erstarken durch sein Sozialistengesetz einzudämmen." (S.411)Man ahnt es bereits: es geht um Klassenunterschiede, Standesdünkel und die große Schere zwischen Arm und Reich, um Industrialisierung und Ausbeutung, um Unterdrückung und Befreiungsschläge, um Gut und Böse, um große Hoffnungen und geplatzte Träume. Es geht um das Leben, und darum, auf welcher Seite man geboren wurde...Hermann Rieker, ein "aus der Gosse stammender" junger Criminalcommissar, hat vor nicht allzu langer Zeit einen spektakulären Mordfall (siehe hierzu Band 1 "Der Herzschlag der Toten") aufgeklärt und hofft nun, dadurch sein Ansehen bei den Kollegen und bei seinem Vorgesetzten ein wenig zu steigern. Innerhalb Hamburgs Polizeibehörde gilt er als Emporkömmling; ein "Splitter, den es gilt, wieder aus dem Fleisch zu entfernen."Als er ins Bureau seines Vorgesetzten zitiert wird, hofft er auf Ruhm und Ehren, doch stattdessen wartet eine ganz andere Aufgabe auf ihn:"Wir müssen derzeit verstärkte Aktivitäten der Sozialisten in Hamburg feststellen. Trotz des Verbots durch unseren verehrten Reichskanzler versuchen ihre Rädelsführer, einfache Leute zu ihrer schändlichen Ideologie zu verführen.""Sie haben aber hoffentlich nicht vor, mich zur Sozialistenjagd einzusetzen?", ging Rieker dazwischen."Und ob.", brummte der Inspektor. "Sie stammen doch selbst von der Straße und wissen sich dort zu bewegen. Mischen Sie sich inkognito unter die Leute, und finden Sie die Anführer!"Rieker wusste, dass bereits einige Commissare ihre Dienstzeit in Kneipen verbrachten, um dort Menschen mit sozialistischen Tendenzen zu bespitzeln. Das war das Letzte, was er tun wollte."Ich wurde speziell dazu ausgebildet, die Täter von Kapitalverbrechen aufzuspüren.", argumentierte er. "Ich bin kein Spitzel, der Leute verrät, die sich einfach ein besseres Leben für die Armen wünschen.""Passen Sie bloß auf, dass Sie nicht selbst wie ein Sozialist klingen!", warnte von Stresenbeck mit erhobener Stimme. "Vor allem nicht mit ihrer Vergangenheit!"Rieker spürte Wut in sich aufsteigen, doch er wusste genau, dass er ihr nicht freien Lauf lassen konnte. Nicht vor diesem Mann. Als Criminalinspektor entschied von Stresenbeck über Gedeih und Verderb seiner Untergebenen.Er musste klug vorgehen. (Zitat S. 27/28)Und während man Rieker dabei begleitet, wenn er sich inkognito in Hamburgs Kneipen herumtreiben muss, um "rote Machenschaften" aufzudecken, erkennt man die einschlägige Meinung von Hamburgs besserer Gesellschaft: Die Unterschicht, besonders die Frauen, sollten sich glücklich schätzen, überhaupt zu solchen Bedingungen arbeiten zu dürfen. Nach der Geburt drei Wochen Mutterschutz bei halbem Lohn? Da können die Frauen doch froh sein, überhaupt Geld zu erhalten, obwohl sie doch gar nichts leisten... Sagen die feinen Damen und trinken Tee aus edlem Porzellan.Ganz anders Johanna Ahrens. Auch wenn sie der Oberschicht angehört und mit einem "goldenen Löffel" im Munde geboren wurde, ist sie doch so gar nicht wie all ihre Freundinnen. Sehr zum Verdruss ihrer Eltern; besonders der Mutter, die ihre Tochter nur zu gern "unter der Haube" wüsste. Johanna jedoch, Feministin und Sozialistin durch und durch, geht ihren eigenen Weg, der sich natürlich über kurz oder lang mit dem des Herrn Criminalcommissar Rieker kreuzt.Rieker: "Ich muss sie nicht daran erinnern, was beim letzten Mal passiert ist, oder?"Johanna: "Das werde ich nie vergessen. Und ich werde Ihnen immer dankbar sein."Rieker: "Aber schon bringen Sie sich wieder in Gefahr?"Johanna: "Meinen Sie, ich will das? Es hat sich so ergeben. Aber wollen Sie gar nicht wissen, was ich herausgefunden habe?"(Zitat S. 263/264)Die Interaktion zwischen Rieker und Johanna ist köstlich. ER, der schwer an seiner Vergangenheit trägt, versucht gute und ehrliche Polizeiarbeit zu leisten. Dabei stößt er aber oft genug an seine Grenzen. Und SIE, deren Herz für die Armen schlägt, die immer und überall für Gerechtigkeit kämpfen möchte, tappt nur allzu oft in ein Fettnäpfchen und gerät dabei selbst in Gefahr. Die beiden zu begleiten ist Lesevergnügen pur.Rieker: "Für Sie scheint das alles ein großes Abenteuer zu sein."Johanna: "Nein, ich versuche etwas zu bewegen. Die Welt besser zu machen."Rieker: "Aber stattdessen sind Sie eine Gefahr für alle, die mit Ihnen zu tun bekommen."(Zitat S. 395)Ralf H. Dorweilers historische Kriminalreihe rund um Hermann Rieker und Johanna Ahrens ist mir bereits seit dem ersten Teil "Der Herzschlag der Toten" sehr ans Herz gewachsen. Es sind zum Einen natürlich die beiden Protagonisten, die mit Charisma, Eigensinn und Empathie das Herz eines jeden Lesers erobern. Zum Anderen ist es die meisterlich recherchierte Zeitreise, auf die man sich mit dieser Lektüre begibt. Natürlich weiß man, dass früher alles anders, schwerer, härter und ungerechter war. Und doch wird es einem erst durch solche Geschichten so richtig vor Augen gebracht:"Die Arbeiter klagten über zu lange Arbeitszeiten bei mickrigem Lohn und schwere Verletzungen, die sie sich zuzogen, weil sie zu gefährlichen Aufgaben ohne ausreichend Schutz gezwungen wurden. Andere berichteten, dass man bei Krankheit sofort entlassen und durch den nächsten armen Teufel ersetzt wurde. Leute erzählten von Vorarbeitern, die auf diejenigen einprügelten, die es wagten zu widersprechen, oder auf ihre Pausen bestanden.Mit jeder Geschichte fühlte Rieker sich unwohler. Er war Polizist geworden, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Aber allzu oft waren die wahren Verbrecher diejenigen, die auf Kosten der Gesundheit und des Wohls ihrer Belegschaft einzig danach strebten, noch reicher zu werden. Die ihren Angestellten gerade so viel zahlten, dass sie nicht verhungerten, und sie so in ihrer Unmündigkeit festhielten."(Zitat S. 46)Nach vielen Monaten, in denen ich psychisch nicht in der Lage war, ein Buch länger in der Hand zu halten, geschweige denn auch nur ein paar Kapitel durchweg zu lesen, habe ich mich auf diese Geschichte wirklich gefreut. Ich habe auf diesen Band hingefiebert und nun kann ich mit Freude behaupten, Ralf H. Dorweilers Geschichte hat es geschafft, die "Angst-Mauer" in meinem Kopf ein Stück weit einzureißen. Dafür bin ich sehr dankbar. Inwieweit sich das nun auch auf andere Bücher übertragen lässt, wird sich zeigen.Sehr gern würde ich nun einfach zu Band 3 greifen und weiterlesen. Aber halt, eine Fortsetzung ist natürlich noch nicht erschienen. Bei all den guten und sehr guten Rezensionen für "Die Farbe des Bösen" bleibt dem Autor aber gar nichts anderes übrig, als wieder zu Stift und Papier zu greifen, und Rieker und Johanna ihren nächsten gemeinsamen Fall "auf den Leib zu schneidern".Wer wissen möchte, woher der Autor seine genialen Ideen nimmt, wird in der lesens- und liebenswerten Danksagung, die ich eingangs bereits erwähnte, fündig. Man darf wahrlich auf den nächsten Fall gespannt sein."Ich werde jetzt gehen", gab Rieker kühl von sich. Er hob die Melone zum Abschied. "Leben Sie wohl! Ich hoffe, wir begegnen uns so bald nicht wieder." (Zitat S. 397)Oh doch, mein lieber Hermann Rieker, wir werden uns wiederLESEN. Bei dem Cliffhanger, der am Ende des Buches noch wie ein Schwert ins Herz des Lesers fährt, zähle ich bereits jetzt die Tage bis zum Erscheinen des Folgebandes.