Tiefe Einblick in die zerstörender Kraft von Glaubensgemeinschaften
Wenn Staat und Kirche an einem Strang ziehen und gemeinsam das kulturelle Erbe eines Volkes durch Verbote zerstören, dann hat das für viele Generationen Folgen, die oft schmerzhaft sind und nicht selten in sozialem Abstieg, Krankheit oder Sucht münden. So ist es den Samen im Norden Europas ergangen und hält auch weiter an, indem zum Beispiel ihre Stadt "Kiruna" nach und nach dem Bergbau weichen mussAnn Hélén Laestadius hat mit ihren Romanen ihrem Volk und ihrer Herkunft eine Stimme gegeben, die mich jetzt nun schon zum 3. Mal gefangen genommen hatMarina hat etwas Unverzeihliches getan und sich so den Zorn, eines Großteils ihrer Familie, Freunden und Bekannten zugezogen. Die kurzzeitige Flucht nach Stockholm hat ihr nichts gebracht und so zieht sie 1998 zurück nach Kiruna. Ihr Schweigen trifft auf das Schweigen ihrer Familie. Ihre samischen Wurzeln drohen abzusterben, denn ihre Mutter schämt sich für die Herkunft. Nur ihre Großeltern leben die Traditionen zum Teil noch und sprechen die Sprache, die Marina fehlt. In Rückblicken, die Ende der 70er beginnen begreifen wir nach und nach welchen Einflüssen Marinas Familie ausgesetzt war und warum sich besonders ihre Mutter dafür entschieden hat, die Fürsorge für ihre Kinder zu ersticken und sich stärkeren Persönlichkeiten anzupassen. Gelungen finde ich das die Geschichte der Mutter einen Bezug zu Laestadius Roman "Die Zeit im Sommerlicht" hat. Großen Einfluss auf Marinas Familie hat Sture, der Bruder von Marinas Vater, ein Prediger der Laestadianer, einer Erweckungsbewegung, die die Bedeutung der Sünde übersteigert. Es darf nicht gesungen und nicht getanzt werden, jegliches Vergnügen ist gleichzusetzen, mit dem Verderben und Marina, die außerehelich geboren wurde, wird von dem Onkel und seiner Frau schon als Kind mit Höllenvisionen und übergriffigen Aktionen malträtiert. Deren Tochter Eva wiedrum ist mit Marina nicht nur verwandt, sondern sie verstehen sich als Freundinnen, von denen man aber bald merkt, dass das Gleichgewicht gar nicht stimmt und es auch hier nur um Kontrolle geht. So wendet sich Marina Ingela zu, einem lebenslustigen Mädchen, das zwar versucht, Marina auf die helle Seite des Lebens zu ziehen, gleichzeitig aber selber unzuverlässig und unstet ist, und am anderen Ende der emotionalen Bedürfniskette manipuliert. Und dann ist da noch Daniel...Ich könnte euch noch so viel schreiben, um was es hier alles geht aber das würde den Rahmen dieser Rezension tatsächlich sprengen. Aber so viel steht fest:Wir haben es mit einer Protagonistin zu tun, die droht zwischen vielen Mühlsteinen zerrieben zu werden. In diesem Text erleben wir aber auch wie von dieser stummen, gebeugten Gestalt der Wille ausgeht, ein Platz im Leben zu finden, denn in ihrem Herzen ist ein Splitter, von dem sie noch nicht weiß, wie viel Kraft er ihr geben wird.Sehr interessant fand ich die Auseinandersetzung mit dem strengen Korsett, dass die Samen sich selbst durch ihren Zuspruch für die laestadianische Gemeinschaft gegeben haben. Somit hat nicht nur der Staat Schweden jahrhundertelang diesem indigenen Volk die Identität geraubt, indem sie die Sprache verboten, verordnete Umerziehung organisierten und Lizenzen für die Rentierzucht vergaben, sondern die Samen selbst wollten dieser Assimilierung etwas entgegensetzen, indem sie sich in den Glauben flüchteten. Viele haben nicht gemerkt, dass sich das wiedersprach und sind noch heute Teil dieser konservativen Gemeinschaft die mit abfälligem Blick auf ihre Brüder und Schwestern schauen, die die traditionelle Lebensweise wiederbeleben möchten.Dieses leise Beben, die Überzeugung, dass schlechte Dinge, die in ihrem Leben geschahen, eine Strafe waren, kann Marina nicht ganz ablegen. Das Ganze äußert sich dann durchaus bei ihr und ihren Verwandten in psychosomatischen Symptomen.Die Autorin zeichnet sich durch eine sehr ruhige Erzählweise aus, das kannte ich schon aus den beiden anderen Romanen. Dieser scheint etwas stringenter zu sein. Doch auch hier haben wir es mit Passagen zu tun, die sich mehr mit der Beobachtung auseinandersetzen als mit Action und kraftvollen Wendungen. Die Veränderungen passieren eher ganzheitlich und setzen sich wie Puzzlestücke nach und nach aneinander, so dass am Ende ein gut erkennbares Bild der Zusammenhänge erscheint. Das ist diesmal sehr komplex, aber trotzdem leicht zu lesen.Durch die Lektüre habe ich wirklich viel über die Identität des samischen Volkes gelernt, und das, obwohl wir nicht zu den ursprünglichen Traditionen reisen, sondern aus dem Verlust lernen.An der Protagonistin war man sehr nah dran. Nimmt man ihre ganze Persönlichkeit, so versteht man auch, warum sie das ein oder andere Mal vielleicht nicht vernunftgesteuert gehandelt hat. Anzuklagen wären hier die Eltern, die ihre Rolle zwar als Versorger gewissenhaft wahrgenommen haben, sich um die emotionalen Belange ihrer Töchter aber nicht kümmern konnten. Das, was sie Ihnen hätten geben müssen, schenkte insbesondere die Mutter eher anderen Personen. Auch, dass sie sich nicht schützend vor Marina gestellt haben, um keinen Ärger mit dem übergriffigen Onkel zu riskieren ist meinem Empfinden nach unverzeihlich. Sture und seine Frau Helmi haben mit jedem Auftreten brennende Wut bei mir hervorgerufen. Den Glauben als Vorwand für den eigenen moralischen Kompass zu nehmen ist ja in Ordnung, aber diese beiden haben in erster Linie das Leben anderer ins Visier genommen und griffen aktiv in Angelegenheiten ein, die sie nichts angehen. Diese Scheinheiligkeit begegnet uns ja leider auch auf politischer Ebene durch Einmischung von Glaubensgemeinschaften, wenn man sich die evangelikalen Christen in den USA anschaut, um ein Beispiel zu nennen.Der Staat Schweden hat sich für die Diskriminierung des samischen Volkes in Worten und Taten rntschuldigt und man ist um Wiedergutmachung bemüht. Ob Kirche und hier, insbesondere die Gemeinschaft der Laestadianer genauso zu Kreuze kriecht, wage ich zu bezweifeln.Ann-Hélén Laestadius hat für mich die Gabe den Blick auf die Narben der samischen Geschichte zu lenken, damit sie nicht vergessen werden, und sie tut dies bedächtig und mit unglaublicher Intensität Ich empfehle euch die Lektüre ihrer Bücher und lege euch besonders dieses ans Herz, welches mich wirklich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat.