REZENSION
- Eine überaus düstere, fast mystische Atmosphäre zeichnete bereits die ersten drei spannenden Bände um "Die Geheimnisse des Graphischen Viertels" in Leipzig aus, bis zum Zweiten Weltkrieg das Zentrum der deutschen Buchbranche mit über 2 000 Betrieben, das im Dezember 1943 durch Bomben fast völlig zerstört wurde. Auch im vierten Band "Das Antiquariat am alten Friedhof", der im November im Knaur Verlag erschien, lässt es Schriftsteller Kai Meyer (56) an Düsternis nicht mangeln: "Der wogende Nebel vor den Schaufenstern des Antiquariats hatte sich während der letzten Stunde zu einer schwefeligen Mauer verdichtet. Manchmal krochen hauchdünne Schwaden unter der Tür hindurch und mäanderten über das abgewetzte Parkett."Der neue Band spielt in zwei, kapitelweise wechselnden Zeitebenen - 1930 und 1945, also lange vor dem Krieg und kurz nach dessen Ende. Die vier jungen Leipziger Studenten Felix, Vadim, Julius und Eddie, alle aus großbürgerlichen Elternhäusern, vernachlässigen im Jahr 1930 ihr Studium und treffen sich stattdessen als literarischer "Club Casaubon" in Vadims Antiquariat im Graphischen Viertel am alten Johannisfriedhof. Vom Leben in Wohlstand gelangweilt, aber getrieben von ihrer Leidenschaft für die Literatur, wurden sie zu Bücherdieben und stehlen aus reiner Abenteuerlust kostbare, okkulte Bände, die Vadim unter der Hand an finanzstarke Sammler verkauft. Schließlich wird auch noch Eddies ältere Schwester Eva in den Club aufgenommen. Eines Tages erhalten sie vom geheimnisvollen Journalisten Magnus Heiden den Auftrag, die nur in einem einzigen handgebundenen Exemplar existierenden Handschriften der "Kreuzkorrespondenzen" zu stehlen. Damit beginnt der Kampf gegen dunkle Mächte, der erst 15 Jahre später sein Ende findet.Im Jahr 1945, kurz nach Kriegsende, kehrt Felix, der 1930 in die USA geflohen und inzwischen US-Bürger ist, als Bibliothekar in US-Diensten in das noch von den Amerikanern besetzte kriegszerstörte Leipzig zurück. Denn dort behauptet ein Gefangener des amerikanischen Geheimdienstes, dessen Identität wegen einer Gesichtsverbrennung nicht festzustellen ist, Vorleser Hitlers gewesen zu sein und zu wissen, wo dessen Geheimbibliothek versteckt ist, dies aber nur Felix verraten will. Diesem gegenüber gibt sich der Gefangene als Vadim Seewald aus. Aber ist es tatsächlich Vadim? Kurz vor der Übergabe Leipzigs an die Russen, versucht Felix unter Zeitdruck das Geheimnis um den Gefangenen zu lösen und seine damalige Geliebte Eva wiederzufinden.Zum vierten Mal gelingt es dem Autor auf inzwischen vertraute Weise, seine Leser an einem aktionsreichen Abenteuer teilhaben zu lassen, das erneut durch seine geniale Mischung aus historischen Fakten um die Bücherstadt Leipzig und spannender Fiktion mit mystischen Elementen fasziniert. Durch Meyers detaillierte Schilderung der Straßen, Plätze und dunklen Ecken im einstigen Graphischen Viertel bekommt seine Erzählung eine erstaunliche Authentizität, dass man, emotional gepackt von der geheimnisvollen Atmosphäre und abenteuerlichen Handlung, fast Gefahr läuft, auch die fiktionalen Elemente als real anzusehen. Nicht einmal der ständige Wechsel zwischen den Zeitebenen der Jahre 1930 und 1945, ergänzt durch einen kurzen dritten Handlungsstrang im Jahr 1944, wirkt in diesem Roman störend.Bei der Romanreihe "Die Geheimnisse des Graphischen Viertels" handelt es sich um eigenständige, im jeweiligen Band abgeschlossene Handlungen mit jeweils anderen Protagonisten, so dass jedes Buch unabhängig vom Vorgänger gelesen werden kann. Einzig verbindende Figur ist der Russe Grigori Gomorov, der bereits aus dem ersten Band "Die Bücher, der Junge und die Nacht" (2022) als geheimnisvoller Mitarbeiter im Antiquariat "Montechristo" bekannt ist und seitdem in allen Bänden zwar als nachrangige, für den Handlungsablauf aber keineswegs unwichtige Nebenfigur auch im vierten Band wieder seinen überraschenden und kurzen Cameo-Auftritt hat.Es ist vor allem die Summe aus eigenartiger, düsterer Atmosphäre zu Kriegs- und Nachkriegszeiten, gelungener Mischung historisch realer und fiktiver, mystischer Elemente sowie der geheimnisvollen Welt der Bücher und Antiquariate die Kai Meyers Romane zwangsläufig an die vierbändige Reihe "Friedhof der vergessenen Bücher" des im Jahr 2020 verstorbenen spanischen Schriftstellers Carlos Ruiz Zafón erinnern. Beide Autoren schufen und schaffen in ihren Romanreihen komplexe Welten, in denen Bücher und Literatur eine magische, mystische Qualität und Anziehungskraft besitzen und die Grenze zwischen Realität und Phantasie verschwimmen lassen. Wer Zafóns Bücher mag, muss auch Meyers Romane mögen und darf sich schon auf den fünften Band um das von undurchsichtigen Dunstwolken der vielen Dampfmaschinen umwaberte Graphische Viertel in der einstigen Bücherstadt Leipzig freuen, der bereits in Vorbereitung ist.