Ursprünglich ist Angelika Moser keine Hochstaplerin, sondern Buchhalterin. Und zwar eine gute und eine leidenschaftliche. Sie schätzt ihre Stellung im Wiener Grand Hotel Frohner, die sie Ende der 1980er Jahre innehat, und träumt von einer Karriere in der Verwaltung. Diese wird auch tatsächlich realistisch, als der Direktor des Hotels durch Zufall auf sie aufmerksam wird und ihre Arbeit und Verschwiegenheit zu schätzen lernt. Sie soll ihm helfen, das Hotel durch frisierte Zahlen vor alten Ansprüchen zu retten - was ihr gelingt. Als Angelika einige Jahre später als alleinerziehende Mutter Leitung der Finanzabteilung wird und sich um die Spesenabrechnungen der Direktorenfamilie kümmern darf, beschließt sie, dass auch sie ein bisschen vom Kuchen abhaben darf. Über Jahre leiht sie sich immer wieder Geld vom Hotel, um sich erst kleinere, später auch größere Annehmlichkeiten zu finanzieren - bis die Rechnung nicht mehr aufgeht.Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotelsist Vea Kaisers vierter Roman und fasst an einer Stelle selber gut zusammen, wovon es eigentlich erzählt: "[...] eine Geschichte über eine Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Nicht an den äußeren Umständen zugrunde geht, aber auch nicht von irgendwem gerettet wird."(S. 241) Angelika wächst als Tochter einer Hausbesorgerin auf, ihren Vater kennt sie nicht. Sie lebt in einer kleinen Wohnung mit Toilette auf dem Gang und stürzt sich nach Feierabend voller Leidenschaft in das Wiener Nachtleben. Im Grand Hotel erlebt sie eindrücklich, was sie ihr ganzes Leben geahnt hat: Ihr wurde im Leben nichts geschenkt - andere wachsen mit dem goldenen Löffel im Mund auf und dem Anspruch, noch mehr zu verdienen. Sie beschließt, ihren Einfallsreichtum nicht mehr nur für andere einzusetzen, sondern auch für sich selbst. Ihr Argument ist dabei immer ihr Sohn Sebastian, den sie über alles liebt und dem sie die bestmöglichen Voraussetzungen mitgeben will. Vea Kaiser erzählt Angelikas Geschichte in gewohnter Vea Kaiser-Manier. Leichtfüßig, spitzzüngig und mit viel Wiener Schmähbegleitet sie ihre Protagonistin fast 30 Jahre lange und zeichnetihren ökonomischen und damit auch sozialen Aufstiegin der Wiener Gesellschaft nach. Dies ist wie immer bei Vea Kaiser vergnüglich: Auch wenn Fabula Rasafast 560 Seiten zählt, lässt sich der Roman angenehm lesen und einen in dieser manchmal fast märchenhaften Welt des Edelhotels versinken - so sehr, dass man froh ist, an Angelikas Seite auf festem Boden zu stehen, zumindest zu Beginn. Dennoch hat man es etwas schwer mit dieser Protagonistin: Sie istkeine klassischen Sympathieträgerin, am Anfang ist es hauptsächlich Mitleid, das man für sie empfindet, das aber über manches Fehlverhalten dennoch nicht hinwegsehen lässt. Das Verständnis für sie schwankt, macht man sich zu Beginn noch gerne zu ihrer Komplizin bzw. ihrem Komplizen, stößt einen ihre Gier irgendwann doch ab. Nichtsdestotrotz wächst einem Angelika über die Jahre und Seiten ans Herz - ob man will oder nicht.Die eigentliche Erzählung ist stimmig und rund, hier zeigt sich Vea Kaisers ganzes Handwerk. Schwer tat ich mich jedoch mit derRahmenhandlung, die immer wieder als Einschübe Angelikas Geschichte - ihr Geständnis - unterbrach. In dieser besucht Kaisers Altes Ego die verurteilte Angelika mehrere Male im Gefängnis. Für mich stellten diese Episoden keinen Mehrwert da, da sie keine weiteren Perspektiven inkludieren. Ich hätte sie auch nicht als Motivation für die eigentliche Geschichte gebraucht; den Epilog habe ich überhaupt nicht verstanden.Ich habe mich als Vea Kaiser-Fan sehr über den neuen Roman gefreut undFabula Rasaweiß, nicht zu enttäuschen. Er ist jedoch in meinen Augen aufgrund der distanzierten Beziehung zur Protagonistin und der oben erwähnten Rahmenhandlungnicht Kaisers bester Roman.Deswegen nur 4 Sterne, die aber die Vorfreude auf weitere Kaiser-Romane nicht schmälern.