Atmosphärisch stark erzählt, verliert die Geschichte durch logische Brüche und übermächtige Kräfte an Spannung.
Das Buch erzählt seine Geschichte aus der Perspektive von vier zentralen Figuren: Lisavet, Ernest, Amalia und Moira, wobei der erzählerische Schwerpunkt eindeutig auf Lisavet liegt. Bereits der Einstieg ist sehr stark und schafft es, sofort Interesse zu wecken. Man wird schnell in die Handlung hineingezogen und bekommt früh das Gefühl, dass hier mit viel Sorgfalt erzählt wird.Der Schreibstil gehört zu den größten Stärken des Buches. Er ist klar, präzise und gut ausbalanciert, verrät weder zu viel noch zu wenig und nimmt sich vor allem viel Zeit für das Innenleben der Figuren. Gedanken, Zweifel und emotionale Beweggründe werden ausführlich dargestellt, ohne sich zu verlieren. Die Stimmung passt hervorragend zur Geschichte und trägt stark dazu bei, dass sich das Buch trotz teilweise sehr langer Kapitel flüssig und angenehm lesen lässt.Auch die Figurenzeichnung überzeugt. Die Charaktere wirken durchdacht, ihre Handlungen und Motivationen sind schlüssig. Besonders gelungen ist die Ausgestaltung der Beziehungen untereinander. Da das Innenleben der Figuren so präsent ist, lassen sich ihre Dynamiken und Bindungen sehr gut nachvollziehen, was der Geschichte eine starke emotionale Basis verleiht.Der Weltaufbau macht neugierig, vor allem durch den Fokus auf den Zeitraum als zentrales Element. Dieses Konzept weckt sofort die Aufmerksamkeit und dürfte besonders bei Bücherliebhaberinnen und Bücherliebhabern Anklang finden. Die Welt wird nicht überladen erklärt, sondern entfaltet sich nach und nach, was den Entdeckungsreiz erhöht.Problematisch wird es jedoch bei der Logik und dem Umgang mit Kräften. Das Buch weist mehrere logische Brüche auf, was bei einer Geschichte rund um Zeit zwar nicht untypisch, aber dennoch störend ist. Bestimmte Konflikte hätten deutlich einfacher gelöst werden können, was ihre Dringlichkeit untergräbt. Besonders kritisch wird es, als einer Figur eine sehr mächtige Fähigkeit verliehen wird. Dadurch gerät das Gleichgewicht der Geschichte ins Wanken, Bedrohungen wirken plötzlich zu schwach und Konflikte verlieren an Glaubwürdigkeit. Vor allem der Antagonist leidet darunter erheblich, da ihm die nötige Durchsetzungskraft fehlt, um als echte Gefahr wahrgenommen zu werden.Hinzu kommt, dass das Buch tonal stark schwankt. Es beginnt märchenhaft, wird dann historisch, wechselt ins Fantastische und endet stellenweise sehr actionreich. Dieser Genre-Mix wirkt stellenweise, als wolle die Geschichte möglichst vieles bestätigen, ohne sich klar festzulegen. Das führt dazu, dass der Schluss trotz seiner inhaltlichen Bedeutung überraschend weich ausfällt. Durch fehlende Konsequenzen und das hohe Erzähltempo wirkt er eher nett.Das Buch überzeugt mit einem starken Anfang, einem sehr guten Schreibstil und sorgfältig gezeichneten Figuren, deren Innenleben und Beziehungen zu den größten Stärken zählen. Weltidee und Atmosphäre machen neugierig und tragen die Geschichte lange Zeit. Leider untergraben logische Schwächen, übermächtige Fähigkeiten und ein zu konsequenzarmes Ende die Wirkung des ansonsten vielversprechenden Romans. Ein Buch mit großem Potenzial, das erzählerisch viel richtig macht, sich am Ende aber selbst ein Stück weit aus dem Gleichgewicht bringt.