
Besprechung vom 10.01.2026
Vom Glück, einer Schildkröte einen Rollstuhl zu bauen
Für ihr neues Tierporträt heuerte Sy Montgomery in einer Schildkrötenrettungsstation an
Auf dem Buchumschlag ist eine Meeresschildkröte abgebildet, doch gerade um die geht es nur am Rande. Stattdessen begegnet man in "Tête-à-Tête mit einer Schildkröte" Schnappschildkröten, Sumpfschildkröten, Waldbachschildkröten, Halswenderschildkröten, Schlangenhalsschildkröten und was sonst noch in der Rettungsstation in Massachusetts aufgepäppelt wird, in der Sy Montgomery für ihr neues Buch angeheuert hat. Nach dem Bestseller "Rendezvous mit einem Oktopus" und zuvor etwa zwanzig anderen Naturbüchern nimmt sich die amerikanische Autorin nun die langlebigen Reptilien vor: ein über 200 Millionen Jahre altes Erfolgsmodell der Evolution, das erst der Mensch in Bedrängnis gebracht hat.
Montgomerys meist reportagehaften Ich-Erzählungen verlangen nach einem Ort und einer Handlung, an der entlang sie ihren Gegenstand entfalten kann. Beides findet sie diesmal bei der Turtle Rescue League in Massachusetts, gegründet und geführt von zwei Frauen, auf die der von einem Helfer geäußerte Satz "Schildkrötenmenschen sind keine normalen Menschen" fraglos zutrifft. Zwischen 150 und 1000 Exemplare gleichzeitig beherbergen Natasha und Alexxia in ihrem zu einem Schildkrötenhospital plus Reha-Center umfunktionierten Haus. Sie kennen weder Wochenende noch Ferien, ruft jemand an, der eine verletzte Schildkröte am Straßenrand gesehen hat, machen sie sich auf den Weg, egal, wie spät es ist und wie lang die Fahrt. Gegen Ende des Buchs liefert eine der beiden ihre eigene Erklärung für den bedingungslosen Einsatz: Als Transfrauen, die einen harten Weg hinter sich haben, wollten sie Hilfe denen geben, die sie am nötigsten brauchen. Sie fühlen sich hingezogen zu den stillen, gemächlichen Lebewesen, die sich zum Schutz vor der Welt einen Panzer zugelegt haben.
Sy Montgomerys Tierbücher enthalten immer auch eine ordentliche Portion Mensch, und all das wird etwas zuckrig serviert. Auch die Autorin bringt sich ins Spiel: Schildkröten sollen ihr helfen, "meinen Frieden mit der Zeit" zu machen. Sie möchte besser mit der Tatsache klarkommen, dass sie mit über sechzig jetzt zu den Älteren zählt und die weniger werdende Zeit immer schneller zu vergehen scheint. Zeit, die sich für Schildkröten anders verhält als für Menschen, wird zu einem Leitmotiv des Buchs, und in diesen Exkursen zu Zeit auch als physikalische Größe liegt eine der Stärken von Montgomerys Erzählen: Mit dem Fokus auf das Tier verschiebt sich auch die Perspektive auf die eigene, menschliche Existenz. Schildkröten leben nicht nur lang - das derzeit älteste Exemplar, bei dem mitgezählt wird, ist 190 Jahre alt -, sondern auch langsamer. Alles dauert: Minuten braucht es, bis in der Winterstarre das Herz den nächsten Schlag macht, Stunden, bis ein Schmerzmittel wirkt, Monate oder Jahre die Rekonvaleszenz nach einem der Autounfälle, die der Hauptgrund für die Einlieferung bei der Turtle Rescue League sind.
Erstaunlich ist aber, wie oft diese Genesung eintritt. Die Selbstheilungskräfte von Schildkröten sind enorm, zerstörtes Nervengewebe kann sich regenerieren. Sie altern auch nicht sichtlich, die Organe eines hundert Jahre alten Exemplars unterscheiden sich nicht von denen eines jungen Artgenossen. Erst wenn bei einem Tier die Leichenstarre einsetze, erzählen die zwei Schildkröten-Retterinnen, akzeptierten sie, dass ihm nicht mehr zu helfen ist. Bis dahin, hat die Erfahrung sie gelehrt, gibt es noch Hoffnung, auch wenn die Verletzungen noch so übel sind.
Von denen erfährt man reichlich: Zertrümmerte und gerissene Panzer, herausquellendes Fleisch, gequetschte Organe, aber auch Angelhaken im Gaumen oder Pfeile im Hals. Von Autos überfahren, von Lkws mitgeschleift, von Hunden angekaut, von Rasenmähern erfasst, von Menschen verletzt - vor den Gefahren, denen die sich mit fünf Stundenkilometern fortbewegenden Schildkröten begegnen, schützt der Panzer nicht, der zu ihrem schon über 200 Millionen Jahre währenden Dasein auf der Erde beitrug. Sie haben Eiszeiten und Meteoriten standgehalten, die Dinosaurier überlebt, doch nun sind sie eine der gefährdetsten Wirbeltiergattungen. Der Verlust ihres Lebensraums hat sie in die risikoreiche Nähe des Menschen gerückt, zudem wurden sie unter anderem wegen ihres Schildpatts gejagt.
Sparsamkeit zeichnet Sy Montgomerys Schreibstil nicht aus, nicht nur die vielen Dialoge geben dem Buch etwas Schwatzhaftes. Und doch stellt sich bei den zahlreichen Beschreibungen von Fire Chief, Pizza Man, Sprocket und den anderen Patienten ein Gefühl ein für diese zähen, so stoisch scheinenden und von Lebenswillen durchdrungenen Wesen. Das unscheinbare Vorstadthaus und seine reptilienverrückten Bewohnerinnen und Helfer stehen für eine Haltung: Zu resignieren ist keine Option, und Glück kann heißen, einer Schildkröte einen Rollstuhl zu bauen. PETRA AHNE
Sy Montgomery: "Tête-à-Tête mit einer Schildkröte". Was die Urwesen uns zu sagen haben.
Aus dem Englischen von
S. Schäfer. Mit Illustrationen von M. Patterson. Diogenes Verlag, Zürich 2025. 432 S., Abb., geb.
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