Die Traumata des Krieges anhand einer Familie erzählt. Großartig!
"Ich kenne diese Stille. Musste sie als Kind so oft ertragen. Früher hat sie in den Sätzen selbst angefangen, in Antworten, die nicht mehr zu den Fragen passten, sich zwischen den Worten breitgemacht und so weiter ausgedehnt, bis irgendwann gar nicht mehr gesprochen wurde." (Seite 103)Karl und Rita gehen mit ihren Töchtern Martha und Olivia regelmäßig in den Keller. Es sind die 1950er Jahre in Deutschland, der Krieg ist vorbei, außer für Karl, der die Lebensmittelvorräte überprüft und permanent am Radio klebt, um zu hören, ob die Russen kommen. Lange Zeit glaubt Olivia, dies sei normal, erst als Erwachsene verarbeitet sie, was in ihrer Kindheit geschah.Die Ich-Erzählerin Olivia fängt an über ihr Leben zu sprechen, da ist sie elf Jahre alt. Wirr und ungeordnet ist ihre Geschichte, die Erzählung springt von Ereignis zu Ereignis, so richtig schlau wird man anfangs nicht daraus. Dies ist stimmig und passend, versteht sie als Kind ja nicht wirklich, was da passiert, dieses Gefühl transportiert sie auf mich als Leserin und kommt mir so ganz nah. Je älter Olivia wird, desto weniger mag ich sie, kann nicht nachvollziehen, warum sie so handelt, wie sie es tut, bis sie erwachsen wird, mehr reflektiert und mit mir zusammen aus den vielen kleinen Stücken ein Ganzes erschafft. Langsam dämmert mir, was in Olivias Kindheit geschah, und erst da erschließt sich auch mir die gesamte Breite der Geschehnisse. Verständnis kommt auf und eine Versöhnung mit der Figur ist zum Greifen nah.Der Debütroman von Lina Schwenk wurde für zahlreiche Preise nominiert, unter anderem für den Deutschen Buchpreis 2025. Zuletzt wurde das Buch mit dem Publikumspreis des Harbour Front Literaturfestivals 2025 ausgezeichnet. Für mich ein großartiges Werk über die Nachkriegsgeneration, die Sprachlosigkeit in den Familien, die Worte zwischen den Zeilen und darüber, ob und wie eine Heilung möglich ist. Sprachlich einfach meisterhaft lässt mich das Werk ergriffen und bewegt zurück. Grandios!