
Besprechung vom 27.01.2026
Ostdeutscher Junge schwärmt vom Bundestag
Bodo Ramelow und der Zeithistoriker Kowalczuk bieten ungewohnte deutsch-deutsche Perspektiven
Ein Zeithistoriker aus Ostberlin, der in der DDR nichts werden durfte und sich nach deren Kollaps der Aufarbeitung der SED-Diktatur widmete, trifft auf einen westdeutschen Politiker, der seine Karriere in der PDS/Linkspartei machte. Ein Gespräch zwischen ihnen könnte unfreundlich verlaufen. Doch Ilko-Sascha Kowalczuk und Bodo Ramelow haben vieles gemeinsam. Sie sind kaum zu bremsende Vielredner und Vielschreiber, gehen keiner Diskussion aus dem Weg und schlagen dabei gern mal über die Stränge. Zugleich leben sie von der Rolle der Außenseiter in ihrer Bezugsgruppe. Ramelow, der ehemalige Thüringer Ministerpräsident und heutige Vizepräsident im Bundestag, ist schon als bekennender Christ ein Abweichler in seiner Partei. Und Kowalczuk, der dem Glauben ebenfalls viel abgewinnen kann, ist trotz seiner stachanowschen Arbeitsproduktivität nicht Geschichtsprofessor geworden.
Ihr Gesprächsband dreht sich, anders als der Titel verheißt, nicht ausschließlich um die neue Mauer im Osten. Er ist in seinen besten Teilen ein Geschichtsbuch, das sich aus den Biographien der zwei ungleichen Gleichen speist, aus den erlebten Geschichten. Wenn Kowalczuk, dessen Vater in der SED ein naiver "Überzeugungskommunist" war, darüber erzählt, wie es zum Bruch mit dem Sohn kam, weil der mit 15 Jahren nicht mehr wie zuvor Offizier der Nationalen Volksarmee (NVA) werden wollte und, wie danach alle Wege im Arbeiter- und Bauernstaat verschlossen blieben, er Maurer und Pförtner wurde, dann wird anschaulich, wie das System funktionierte. Wenn er von den Sitzungen des Bundestags schwärmt, die er als Jugendlicher im Fernsehen anschaute ("dass da irgendwelche alten dicken Männer miteinander streiten und sich anschreien. Ganz und gar herrlich!"), dann wird Geschichte zudem unterhaltsam.
Das ist sie auch, wenn Ramelow von seinem Vater erzählt, der unbedingt zur Bundeswehr wollte, dort abblitzte, sich dann im Osten bei der NVA bewarb, ebenfalls abgelehnt wurde, und nach einer Beichte bei der westdeutschen Polizei vom BND ausgefragt wurde. Ramelow schildert auch seine frühen Reisen zu Verwandten in die DDR. Deren Anspielungen, wenn es um das Regime ging, kapierte er nicht, wie überhaupt diese DDR, ihm spaßig, komisch und auch beklemmend vorkam, ein "exotisches Land".
Kowalczuk erinnert daran, dass sich viele in der durchorganisierten Arbeitswelt dieses Landes wohlfühlten, in der vom Kindergarten über Sporteinrichtungen, Urlaub und Versicherung alles betrieblich geregelt war, "einschließlich Sozialbeziehungen und Heiratsmarkt". Mit der Wende kam der Bruch. Die Bundesrepublik habe 25 Jahre Zeit gehabt, von einer Arbeits- zu einer Dienstleistungsgesellschaft zu werden, "Ostdeutschland hat dafür eine Nacht bekommen". Die Unkenntnis des einen Deutschlands über das jeweils andere ist eine Art roter Faden des Gesprächs. Kowalczuk nennt die Kenntnisse der Westdeutschen über die DDR-Wirtschaft zu Recht peinlich, etwa dass die alte Bundesrepublik glaubte, dass die DDR die zehntgrößte Industrienation der Welt sei. Selbst nach dem Mauerfall erlebte er in der Berliner Hausbesetzerszene die Milieuunterschiede. Militant wurden die Hausbesetzer in Ostberlin erst, als die Westdeutschen 1990 das Kommando übernahmen. Aber auch die homogene Ostgesellschaft habe es nie gegeben, auch vor 1989 nicht, so Kowalczuk, auch wenn die Linkspartei diese Vorstellung instrumentalisiert habe. Die Westvariante musste auch er sich anhören: "Man merkt ja gar nicht, dass Du ein Ostler bist."
Ramelow wiederum schildert an vielen Beispielen, wie er nach der Wende als Gewerkschafter, der in Thüringen die Gewerkschaft Handel, Banken und Verkehr (HBV) aufbaute, mit der völligen Ahnungslosigkeit seiner Westchefs über die DDR und die Rolle der dortigen Einheitsgewerkschaft konfrontiert wurde. Selbst bei den Streiks habe man "im Osten Westwelt gespielt".
Weil Ramelow sich später als Ministerpräsident Ostdeutschland erarbeitet hat, bis er jedes Dorf in Thüringen kannte, und Kowalczuk Osttümelei und Hass auf Westdeutsche schon immer ablehnte, verfällt das Gespräch nicht in übliche Muster. Ost und West kriegen gleichermaßen ihr Fett weg. Kowalczuk erinnert daran, dass vierzig Prozent aller Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi nie über andere Menschen berichtet hätten; das Wort vom "Stasi-Staat" diente auch als Ablenkung von der Verantwortung der SED. Er spricht auch über die zwei Millionen Westdeutschen, die heute im Osten bei den letzten Wahlen wahrscheinlich die Demokratie gerettet hätten.
Im Buch geht es um Rechtsextremismus und Rassismus in der DDR, die Rolle der Bürgerrechtler und der westdeutschen Linken, die AfD, das BSW und deren "Kumpanei mit Putin und Trump" oder um die Gorbomanie der Deutschen (Kowalczuk: "Ich bedanke mich doch nicht dafür, dass ich nicht erschossen wurde"). Manches ist, was bei Vielrednern der Nation nicht ausbleibt, zu langatmig geraten. Die heilsamen Erwartungen, die beide an eine andere Nationalhymne und eine neue Verfassung hegen, die in der Substanz dem Grundgesetz gleichen soll, scheinen übertrieben.
Dass beide nicht mehr streiten, als es möglich wäre, hat auch damit zu tun, dass Kowalczuk als "schwafelnder Intellektueller" (Selbstbeschreibung) dem Politiker Ramelow manches nicht vorhält. MARKUS WEHNER
Ilko-Sascha Kowalczuk/ Bodo Ramelowe: Die neue Mauer. Ein Gespräch über den Osten.
C. H. Beck Verlag, München 2025, 239 S.
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