
Die von Elon Musk ins Leben gerufene Abteilung für Regierungseffizienz, DOGE, war nur die Spitze des Eisbergs. In den letzten Jahren hat das Silicon Valley die Macht in den USA übernommen. Meta, Palantir & Co. bestimmen jetzt, wer reguliert, ja, wer regiert. Günstlinge der Tech-Milliardäre durchsetzen den Verwaltungsapparat. Energiepolitik wird fast nur noch für die Kryptobranche und KI-Startups gemacht. Und die anti-woke Agenda der Titanen münzt Trump eins zu eins in Dekrete um.
In Investorenmeetings und in Hörsälen, in Science-Fiction-Büchern, Fortpflanzungskliniken und in Sadomaso-Kellern spürt Adrian Daub dem nach, was für diese Konzerne, was für ihre Lenker, Dominanz bedeutet. Sie haben die Herrschaft an sich gerissen. Aber verstehen sie überhaupt, was herrschen ist?
Besprechung vom 15.03.2026
Creeps an der Macht
Wie haben es ausgerechnet Witzfiguren wie Elon Musk und Mark Zuckerberg zu derart großem Einfluss gebracht? Und wie üben sie ihn aus? Der Literaturwissenschaftler Adrian Daub analysiert die Formen der Herrschaft im Silicon Valley.
Von Harald Staun
Am 26. Oktober 2022 trat Elon Musk seinen Chefposten bei der Plattform, die damals noch Twitter hieß, mit einem Auftritt an, der auch im angeblich so unkonventionellen Silicon Valley außergewöhnlich crazy war: Er betrat die Lobby der Firmenzentrale in San Francisco mit einem Waschbecken. Das Video dieser Performance postete er mit dem Text "let that sink in!", was als Redewendung so viel bedeutet wie "Lass das erst mal sacken" oder "das muss man sich erst mal geben". Musk machte daraus einen gespielten Witz, an dem sich jeder Deutungsversuch die Zähne ausbeißt - nicht nur, weil er das Niveau eines Neunjährigen hatte, sondern weil die Aktion, im Gegensatz etwa zum Kettensägentheater des argentinischen Präsidenten Javier Milei, metaphorisch völlig ins Leere lief: Warum hatte sich Musk ausgerechnet für diese Symbolik entschieden? Warum ein Waschbecken und nicht eine Kloschüssel? Oder einen Kärcher?
Die einzige Bedeutung, die man an dem Auftritt ablesen kann, ist, dass er die Bedeutungslosigkeit der Übernahme unterstreicht, die Macht, ein Projekt durchzuziehen, das als Witz begonnen hatte und vielleicht nie anders gemeint war. "Wie ein Mensch, der auf Twitter auf einen Link zum Kauf einer Trimm-dich-Maschine klickt und erst danach die Rezensionen liest, richtete sich Elon Musk in einer Welt ein, die seine Demütigung geschaffen hatte", schreibt der Literaturwissenschaftler Adrian Daub. Aber in Zeiten, in denen solche Trollereien eine Währung sind, zahlen sie ein auf den Mythos der Eigensinnigkeit des unheimlichen Genies, die Musk noch immer so oft attestiert wird, diesem "Da Vinci unserer Zeit", wie ihn die Schweizer "Weltwoche" vor Kurzem nannte.
Musks Waschbeckenaktion ist eine von vielen aussagekräftigen Anekdoten, anhand derer Daub in seinem neuen Buch schildert, "Was das Valley herrschen nennt". Der Titel stellt es in die Reihe des Essays "Was das Valley denken nennt", in dem Daub vor sechs Jahren untersuchte, wie zentrale Figuren im Techsektor ihre profanen Geschäfte zu intellektuellen Abenteuern verklären. An der aufschneiderischen Pose der Protagonisten hat sich, nun, da sie an der Macht sind, nicht besonders viel geändert - was nicht nur deshalb beunruhigend ist, weil sie noch immer damit durchkommen, obwohl ihre Intellektualität inzwischen oft genug als Bluff entlarvt wurde. Sondern auch, weil der erstaunliche Erfolg dieser Hochstapelei weniger einem besonderen Talent der Akteure zu verdanken ist als einer allgemeinen Nachfrage; weniger ihrem Willen zur Macht als unserem Willen, getäuscht zu werden.
Seit Jahren arbeitet Daub als Professor an der Universität Stanford, weshalb man unterstellen darf, dass er einen unverstellten Blick auf die Typen hat, die für das "Silicon Valley" stehen. Wenn sie trotzdem auch aus der Nähe wie Karikaturen aussehen, liegt das nicht daran, dass er nicht genau hinschaut. Wenn Daub die Leute, die man vor Augen hat, wenn vom "Silicon Valley" die Rede ist, studiert; wenn er ihre Lebensläufe und ihre Selbstdarstellungen betrachtet, ihre Idee von Männlichkeit, ihre Kränkungen und den "Vibe Shift" nach rechts als Folge des Alterungsprozesses eines überschaubaren Soziotops: dann klingt das gelegentlich wie einer der unzähligen Versuche, aus den Psychogrammen berühmter Egos der Techbranche eine Pathologie der digitalen Gesellschaft zu stricken.
Aber es ist eher umgekehrt: Die Verhaltensauffälligkeiten von Elon Musk, Peter Thiel oder Mark Zuckerberg sind ein Spiegel der auf sie geworfenen Projektionen. "Diese Pathologie eignet längst nicht mehr nur unseren Herrschern, sondern ihrer Herrschaft", schreibt Daub. Ähnlich wie Quinn Slobodian und Ben Tarnoff, die den prominentesten der Techbros in ihrem Buch "Muskismus" als "Avatar eines Weltverständnisses" betrachten, beschreibt Daub diese kindlichen Könige als Personifikationen eines medialen Betriebssystems, in dem sowohl die Ausübung als auch die Akzeptanz von Macht auf besondere Weise funktionieren.
Während Slobodian und Tarnoff Musk durchaus als smarten oder mindestens instinktsicheren Akteur darstellen und seinen Erfolg auf eine Reihe unterschätzter Qualitäten zurückführen, etwa auf seine Fähigkeit, den Staat - so sehr er auch vorgibt, ihn abbauen zu wollen - "symbiotisch" als Partner und Finanzier seiner privaten Firmen zu nutzen, interessiert sich Daub eher dafür, wie die Herrschaftsgesten prominenter Techbosse über die Imagination eines globalen Publikums am Ende auch die realen Lebensbedingungen prägen.
Zwar verweist auch er auf die politischen und geschichtlichen Hintergründe, denen die Unternehmer im Valley ihre Privilegien verdanken, auf das "uralte Geld", das sich auch dort ganz klassisch der Ausbeutung von Landbesitz und Kapital verdankt und nur "den Anstrich ewiger Jugend verpasst bekommt". Aber ihre Performance ist eben immer auch ein Produkt spezieller "Schulen der Herrschaft", deren Lehrplan längst jenseits Kaliforniens nachgeeifert wird: "Was bestimmen heißt", schreibt Daub, haben die Mächtigen des Valleys "in Familie und Universität gelernt, aber ebenso in Muckibuden und durch Youtube-Kanäle, im Gerichtssaal und auf der Autofahrt zur Arbeit. In ihren Verhältnissen zu Untergebenen und Dienstleister:innen, Kommiliton:innen, Politiker:innen, zu Dominas und Sexarbeiter:innen." Ihre Vorstellung von Herrschaft, so die These, hat immer auch etwas mit "einer fragilen und gerade deshalb dominanten Männlichkeit" zu tun.
Auch diese Beobachtung könnte auf eine einfache Psychologisierung hinauslaufen. Aber auch wenn Daubs Blick auf die Mechanismen der Dominanz von der Sicht der Gender Studies geprägt ist, reduziert er sie nicht auf patriarchale Muster. Seine plausible Beschreibung jener fiesen Mischung aus Präpotenz und Unreife, die man im Gehabe der Techbosse beobachten kann, erklärt sehr gut, warum es ausgerechnet solchen Witzfiguren gelang, zu lächerlichem Reichtum und politischer Macht zu kommen. "Wer sich die Alphamännchen des Silicon Valley anschaut, der kommt schnell mit der Dünnhäutigkeit, der extremen Unsicherheit dieser Figuren in Berührung", schreibt Daub - und braucht dazu keine psychoanalytische Diagnose: Schließlich inszenieren diese Alphamännchen sich und ihre Sehnsucht nach Potenz mithilfe von ungeniert trashigen KI-Bildern ständig selbst als Imperator, Elitesoldat oder Cyborg.
Nicht alle tun das derart exzessiv wie Musk, aber immer wieder liefert jeder auf seine Weise seltsam erbärmliche Auftritte. Daub erinnert etwa an die Anhörung vor dem US-Senat, in der Mark Zuckerberg wie ein Schuljunge wirkt, als er von Senatorin Elizabeth Warren befragt wird. Oder an den Anti-Aging-Fanatiker Bryan Johnson, "der angeblich über hundert Pillen pro Tag schluckte und täglich seine Fäkalien analysieren ließ", um unsterblich zu werden. "Creeps" nennt Daub solche Gestalten, die sich ständig ihrer Männlichkeit vergewissern müssen, um im Gegensatz zur beliebten Charakterisierung als "Bro" ihre Einsamkeit zu betonen.
Die Unsicherheit dieser Berufsjugendlichen, argumentiert Daub, äußert sich darin, dass sie sich nie festlegen wollen: Ein solcher Mensch "ist ein Getriebener", er könne "sich nicht entscheiden, als was er sich anderen präsentiert, als was er von ihnen ernst genommen werden möchte". Was man als Schwäche auslegen könnte, das ist eine der interessantesten Pointen von Daubs Buch, ist aber eine Technik der Macht: Seine Creeps ähneln genau den Technologien, denen sie ihre Macht verdanken, Technologien, die nie dem Status der Adoleszenz entkommen, immer kurz davor, ganz bald, in einer unbestimmten Zukunft, die Welt zu verändern: "Wir werden angehalten, vor Technologien zu kauern, die nie ganz ausgereift sind und die dennoch im Hier und Jetzt immense Zerstörungen anrichten", schreibt Daub. In dieser Hinsicht ist vielleicht Sam Altman, der in Daubs Buch nur am Rande vorkommt, der paradigmatische Vertreter dieser Spezies: Ein ehemaliger Manager nannte ihn einen "Gestaltwandler - was immer man sich von ihm wünschte, er konnte es sein".
Im Schlingerkurs zur Zusammenarbeit mit dem Pentagon hat er dieses Talent gerade wieder bewiesen. Für Sprachmodelle wie ChatGPT gilt das Gleiche: Sie können alles sein, vom Ratgeber für Riesenbabys, die sich nicht die Schuhe binden können, bis zum Killerroboter.
Für die Ausübung der Herrschaft hat die chronische Unreife der Leute, denen sie zufällt, jedoch fatale Konsequenzen. Sie sitzen an den Hebeln der Macht wie an den Knöpfen eines Spielzeugs und drücken darauf herum, ohne zu verstehen, wie der Apparat funktioniert. Ihr Dominieren, schreibt Daub, "gewinnt seine Kraft aus dem Unverständnis, dem Desinteresse, ja der Ignoranz. Es versteht die Dinge nicht, die es dominiert, und begegnet diesem Unverständnis nicht mit Scham, sondern mit einem perversen Stolz - die perfekte Form der Machtausübung für das Zeitalter der elitären Populisten". In der Regel wollen sie nicht einmal wahrhaben, dass sie an der Macht sind, wollen immer in der Rolle des Underdogs bleiben, der Zu-kurz-Gekommenen, der Rebellen, die bloß nicht erwachsen werden dürfen. "Das macht sie anschlussfähig für den modernen Populismus, der seinen eigenen Populismus nicht glaubt, für den Autoritarismus, der sich nie wirklich an der Macht wähnt, nicht einmal dann, wenn er die Macht diktatorisch ausübt", schreibt Daub. Das "Regime des Nihilismus", das wir derzeit in der US-Regierung erleben, ist im Silicon Valley schon lange Prinzip.
Mit unerschütterlichem Unernst betrieben die Kinder des Silicon Valley eine "Simulation der Herrschaft", der es kaum um tatsächliche Kontrolle gehe, sondern eher um das "medienwirksame Spektakel regierungsähnlicher Gesten". Auch das kann man an den Versprechen gut erkennen, die Musk immer wieder als utopische Zukunftsprojekte bewirbt, bis er sie wie ein langweilig gewordenes Spielzeug in die Ecke wirft: den Hyperloop, die Tunnelbohrmaschine, die Marskolonie. Auch seine Doge-Initiative war nur ein weiterer Spaß, den Musk so lange penetrierte, bis aus einem infantilen Meme erst eine milliardenschwere Kryptowährung und schließlich die blinde Zerstörung des Staatsapparats wurde, den er mit seiner Bande von Collegejungs so lange auseinanderbaute, bis er kaputt war.
Es gibt bei all diesen Aktionen keine Idee der Herrschaft, keinen Plan für eine Mechanik der Regierung, sondern nur ein aus Comics oder Science-Fiction-Filmen übernommenes Bild der Macht. Die "kalifornische Ideologie" in ihrer aktuellen Ausprägung hat keinen Plan jenseits der leeren "Disruption", keine konstruktive Agenda. Man könnte das als ihre Schwäche betrachten. Aber womöglich liegt gerade darin die größte Gefahr: Die Kaiser des Silicon Valley ahnen, dass ihre Nacktheit irgendwann auffliegt. Bis es aber so weit ist, tun sie weiter so, als würden sie herrschen.
Adrian Daub, "Was das Valley herrschen nennt", Suhrkamp Verlag, 213 Seiten, 18 Euro
Quinn Slobodian/Ben Tarnoff, "Muskismus", Suhrkamp Verlag, 281 Seiten
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben. Schreiben Sie die erste Bewertung zu "Was das Valley herrschen nennt" und helfen Sie damit anderen bei der Kaufentscheidung.