
Aufzuwachen heißt, Tag für Tag aufs Neue zu einem Teil der Welt zu werden. Manchmal sind diese frühen Momente magisch und still und fast noch wie ein Traum. Oft aber schreckt man gestresst auf. Und die Influencer der Gegenwart empfehlen Morgenrituale zur Selbstoptimierung. Dieses Buch zeigt jedoch, dass das kein neues Phänomen ist. Schon in mittelalterlichen Klöstern wurde das Erwachen beobachtet, bewertet und effizienter gemacht.
In den Tag erzählt von Intimität und Gesellschaft: im Bett, im Bad und beim Frühstück, wenn der Mensch noch nicht ganz wach ist und doch schon im Tag. Wir begleiten das Dienstmädchen des 19. Jahrhunderts bei seinen zahllosen morgendlichen Aufgaben. Wir treffen eine Pariser Künstlerin, die das zu früh zu muntere Kleinkind malt. Und wir erleben einen Beatle, der aus dem Bett steigt und gleich zum Klavier geht: mit einem Welthit im Kopf. Die früh aufstehende Person, so die Botschaft dieses Buchs, hat Zeit für Kreativität. Sie könnte aber auch noch ein bisschen schlafen.
Besprechung vom 14.03.2026
Wenn der Wecker klopft
Munter werden: Christoph Ribbat zeigt anekdotenreich, wie verschieden sich in den Tag starten lässt.
Von Maria Wiesner
Königin Elizabeth I. wollte kurz nach dem Aufwachen niemanden außer ihren Kammerzofen sehen (und ließ einen Boten, der ihr aus Versehen im Schlafgewand mit Strubbelhaar begegnete, umgehend einsperren). Benjamin Franklin stand täglich um fünf Uhr auf, um keine Stunde zu viel an den Schlaf zu verschwenden (und versuchte diese Arbeitsdisziplin vergeblich den Franzosen näherzubringen). Und Paul McCartney hat die Melodie zu seinem größten Hit geträumt (und suchte dann nach einem passenden Text). All das erfährt man in Christoph Ribbats Buch. Es verspricht eine "kurze Geschichte des Aufwachens". Wer nun aber tatsächlich auf eine historisch-soziologische Abhandlung hofft, wird enttäuscht. Vielmehr fügt Ribbat in loser Folge amüsante und erhellende Anekdoten rund um den Moment zusammen, an dem wir vom Schlaf ins Bewusstsein zurückfinden.
Man erfährt so einiges. Etwa, dass Thomas Edison seine Mitarbeiter kaum ausruhen ließ, um aus den semiluziden Phasen, in die sie aufgrund des Schlafmangels hinüberglitten, neue Ideen zu generieren. Auch dass diese Ideen deutlich fehleranfälliger als Lösungsansätze der ausgeschlafenen Kollegen waren, verschweigt Ribbat nicht. Insgesamt ergibt sich aus den Mosaiksteinchen seiner Sammlung das Bild einer Gesellschaft, die seit der Industrialisierung den Schlaf zum Luxusgut erklärt hat.
"Einerseits wird frühes Aufstehen im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert als tugendhaft beschrieben, andererseits entwickelt sich spätes Erwachen zum Statussymbol vornehmer Leute. Aristokraten können in der Regel ausschlafen und feiern daher bis tief in die Nacht, dank teurer Festbeleuchtung", schreibt Ribbat. Der Zeitpunkt des Aufwachens werde damit zu einer Klassenangelegenheit.
Man lernt, dass Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in England mechanische Wecker für das Heer der Fabrikarbeiter zu teuer waren, weshalb die Arbeiter "menschliche Wecker" engagierten. Die drehten ihre Runden bei den Schläfern und klopften an Fenster, bis sich drinnen etwas bewegte. Wer nicht im Erdgeschoss wohnte, dem schlug man mit Stöcken gegen die Scheiben, bis er aufwachte. "Die menschlichen Wecker sind Teil der Arbeiterklasse, weil sie ebenso wie das Proletariat von den Fabrikbesitzern abhängig sind", so Ribbat. Darauf folgt ein kurzer Schwenk zu Marx' "Produktion des absoluten Mehrwerts" und der Geschichte vom neun Jahre alten George, der es gar nicht von der Fabrikarbeit nach Hause schafft und gleich auf dem Boden unter seinem Arbeitsplatz schläft, weil am Samstagmorgen um drei Uhr bereits die nächste Schicht beginnt. Man erinnert sich bei solchen Geschichten wieder daran, warum es Gewerkschaften gibt.
In fünf Kapitel hat Ribbat seine Sammlung unterteilt; es geht nicht nur um Träumen und Aufwachen, auch Bad und Frühstück werden bedacht. In einer Zeit, da Influencer in den sozialen Medien ihre Morgenroutinen kundtun und ihre Anhängerschaft zu größerer Optimierung und natürlich dem damit verbundenen Konsum neuer Produkte aufrufen (Übernachtgesichtsmasken für frischen Teint trotz wenig Schlaf, Vitaminshakes zum Frühstück, Tagebücher für hochgesteckte Ziele), öffnet Ribbats Büchlein Perspektiven: Wer aus Historischem lernt, geht munterer mit der Gegenwart um.
Christoph Ribbat: "In den Tag". Eine kurze Geschichte des Aufwachens.
Insel Verlag, Berlin 2026.
166 S., geb.
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