Opulentes Familienepos
Mein Lese-Eindruck:Sonia studiert in Vermont und leidet unter dem Schnee und der Einsamkeit - und Sunny lebt in New York und wartet auf seinen Erfolg als Journalist. Beide stammen aus wohlhabenden indischen Familien und versuchen beruflich und privat in den USA Fuß zu fassen. Beide sind mit amerikanischen Partnern liiert, was sie ihren Familien verschweigen, und umgekehrt haben auch ihre Familien wenig Ahnung von dem Leben ihrer Kinder in den USA, wenn sie versuchen, die beiden in einer arrangierten Ehe miteinander zu verkuppeln. Mit diesem anachronistisch anmutenden Brauch beginnt der Roman, der nun das Leben der beiden über fünf Jahre hinweg und ihre eher zufällige Annäherung erzählt. Die Autorin weitet dieses Kernthema aus zu einem opulenten Familienepos, in dem sie auch die Geschichten der Eltern und beiderseitigen Großeltern, die von Tanten, Onkeln, Kusinen, Vettern, Nachbarn und Freunden erzählt. Auf über 750 Seiten entfaltet sich eine große Fülle an Erzählsträngen, die der Autorin aber niemals entgleiten und die sie stets souverän in der Hand hält. Dabei steht das Titelthema "Einsamkeit" im Mittelpunkt. Einsam sind nicht nur Sunny und Sonia, sondern die meisten Figuren im Roman, auch innerhalb der indischen Großfamilien. Ehen scheitern, Bindungen lösen sich auf, und vor allem die Expats leiden unter der kulturellen und sozialen Entwurzelung. Mit der Fülle an Erzählsträngen geht eine Fülle an Themen einher. Neben dem Thema Einsamkeit in seinen Variationen: Um was geht es? Die Auflistung ist lang. Es geht nicht nur um arrangierte Ehen, sondern generell um das Aufeinanderprallen von Moderne und Tradition, um die immensen Unterschiede zwischen Arm und Reich, um das Kastenwesen, um den Pauperismus breiter Bevölkerungsschichten, um die alltägliche Korruption, um den Spagat zwischen Autonomie und Fremdbestimmung, um tradierte Rollenbilder und Familienkonstellationen, die sich als nicht mehr tragfähig erweisen. Es geht um das marode Gesundheitssystem, die Rechtlosigkeit von Dienstboten und um Rassismus in allen möglichen Spielarten, um Prostitution, um Drogen, um massive Umweltverschmutzungen. Immer wieder geht es um die Identitätsprobleme eines Landes, in dem die Folgen der britischen Kolonisation unübersehbar sind und dessen Bewohner - trotz eigener Hochkultur - den USA und Europa gegenüber unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden. Sie fühlen sich entwurzelt, und Sunny und Sonia sind im Kleinen das Beispiel für diese Entwurzelung, für die Zerrissenheit und für den Wunsch nach Stabilität und Verbindlichkeit.All diese Themen werden noch angereichert mit magischen und mythischen Motiven, die die Autorin vielleicht dem spirituell-religiösen Leben Indiens entnommen hat. Insgesamt entsteht so eine farbenprächtige und sinnliche Geschichte, mit schönen Beschreibungen der Natur und appetitanregenden Beschreibungen der indischen Küche. Trotzdem: das Buch hätte einige Kürzungen sehr gut vertragen. Sonias problematische Liebesbeziehung, der Rückzug ihrer Mutter in die Berge, die Venedig-Reise, der Bildhauer Georg Kolbe, die alltäglichen Begebenheiten etc. - zu viele Redundanzen, Wiederholungen und unnötige Ausführlichkeiten fordern dem Leser viel Geduld ab. Insgesamt: Die große Erzählfreude der Autorin reißt den Leser mit und lässt Indien in seiner Farbenpracht, aber auch seiner Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit vor dem Auge des Lesers entstehen.