Die Autorin Kiran Desai bekam 2006 den Booker Preis zuerkannt für ihren Roman "Erbin des verlorenen Landes". Das ist nun 20 Jahre her, die sie offenbar gebraucht hat, um diese neue, fulminante Familien- und Liebesgeschichte zu erzählen, die von Robin Detje kongenial ins Deutsche übertragen wurde.Im Mittelpunkt stehen die jungen Leute Sonia und Sunny, die ihre Wurzeln in verschiedenen indischstämmigen Familien haben. Beide sind insofern privilegiert, dass sie ein Studium in den USA absolvieren. Sonias Großeltern äußern schon früh den Wunsch, ihre Enkelin mit Sunny zu verheiraten, den sie als gute Partie erachten: So recht will Sunnys Familie aber nicht anbeißen. Wir lernen Sonia und Sunny zunächst getrennt voneinander in ihren jeweiligen Lebensumfeldern kennen. Beide haben Liebesbeziehungen, von denen sie wissen, dass sie der Familie verschwiegen werden müssen. Beide pendeln zwischen den Welten, sind Außenseiter in den USA und Landesflüchtige in Indien. Sie gehören nirgends dazu, fühlen sich latent einsam und als Außenseiter. Man kann ihre Zerrissenheit in zahlreichen Situationen nachempfinden. Auch ihre eigenen Einstellungen wurden durch die Auslandserfahrung geprägt, was die Anpassung an die jeweiligen Regeln und kulturellen Werte schwierig macht.Sonia und Sunny treffen während des Romans, der in den späten 1990er Jahren einsetzt, mehrfach aufeinander. Man ahnt die sich anbahnende Liebesgeschichte lange Zeit mehr, als dass sie konkret ausgelebt wird. Der Roman zeichnet dabei ein vielschichtiges Panorama Indiens. Er stellt die einzelnen Familien differenziert dar (Stammbaum, S. 746/47), zeigt dabei die Schwachstellen in einer misogynen Gesellschaft, wo der Schein wichtiger ist als die tatsächlichen Verhältnisse. Auch Umweltverschmutzung, Kastenwesen, Korruption, Chancenungerechtigkeit, Rassismus, medizinische und soziale Probleme werden nicht ausgespart. Man lernt aber ebenso die kapitalistischen Auswüchse und Ungerechtigkeiten der USA mit dem Blick von außen kennen. Es ist kein Wunder, dass sich Sonia und Sunny nirgends mehr richtig beheimatet fühlen. Insbesondere Sonias Situation geht nahe, weil sie als indische Frau zweifellos die schlechteren Chancen hat. Die Autorin schildert die verschiedenen Figuren, Handlungen und Schauplätze mit Hingabe. Dieses üppige Setting mit zahlreichen Details und Handlungssträngen benötigt Konzentration, lässt aber auch eine eigene Welt vor dem inneren Auge auferstehen. Farben, Bilder, Gerüche - Desai versteht es, ihre Heimat, deren Zauber uns oft fremd erscheint, anschaulich und sinnesfreudig zu präsentieren. Sie hält die zahlreichen Handlungsfäden fest in der Hand, lässt gekonnt eins ins andere gleiten. Wiederkehrende Motive durchziehen den Roman, auch Religion und Spiritualität bekommen einen Platz.An diesem fulminanten, rund 750 Seiten starken Roman sollte man dranbleiben, um ihn richtig genießen und in die bunte Welt Sonias und Sunnys eintauchen zu können. Mich hat diese von einer latenten Melancholie durchzogene Geschichte sehr begeistert.Große Leseempfehlung!