Die wunderbare Sprache bewirkt genau das, was sie bewirken will: Bemühen und Hilflosigkeit darzustellen.
Präliminarien: Meine erste literarische Begegnung mit der bekannten Autorin fällt positiv aus. Überaus positiv sogar, trotz des dünnen Contents ihres neuen Buchs "Ich möchte zurückgehen in der Zeit."Inhalt:Die Autorin bzw. ihr Alter Ego ist mit 50 Jahren aufgewacht; ihre Mutter erlitt eine Teilamnesie. Als deren Erinnerungen zurückkehren, ist es höchste Zeit für den vielleicht letzten Versuch, mehr über ihren Großvater mütterlicherseits herauszufinden, der auf einem alten Foto auf einem Motorrad der SS in Radom/Polen posiert, einem Ort, in dem Holocaust-Verbrechen verübt worden sind und der mit einem Symbol der Waffen-SS tätowiert ist. Hat er jemals dem Nationalsozialismus abgeschworen?Der Kommentar und das Leseerlebnis:Die Autorin schreibt: "Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet". Dieser Widerspruch quält die Autorin. Sie möchte mehr wissen, sich innerlich in den Mann hineinversetzen, nachfühlen, wie es sein kann, dass. Deshalb fährt sie nach Radom/Polen. Um dort Mitscherlich zu lesen, wie sie erzählt und mehr oder weniger ziellos herumzuirren. Denn da ist nichts. Nur Imagination.Das schmale Büchlein beschäftigt sich weniger mit Aufklärung über die NS-Zeit - darüber gibt es glücklicherweise regalweise Romane, die auch gebraucht werden, um den nachrückenden Generationen in zeitgemäßer Art und Weise die Erinnerung an den Holocaust zu vermitteln, aber "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" gehört nicht zu dieser Art von Texten.Es ist ein intimer Text. Sehr privat. Verhandelt wird das Ungreifbare, nicht nur im Leben des Großvaters, sondern vor allem im Leben der Nachkommen, sie fühlen sich schuldig ohne schuldig zu sein, beziehungsweise fühlen sich nicht schuldig, schämen sich aber dafür. Müssten sie sich nicht schuldiger fühlen? Eine Gewissensqual."Ich möchte zurückgehen in der Zeit" ist durchaus auch ein Text, in dem nichts vorwärts geht, in dem Widersprüche nicht aufgelöst werden und im Nebel herumgestochert wird. Es ist ein Text, in dem vordergründig nichts zusammenpasst. Der Zeit im polnischen kalten Winter in Radom, wo Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt wurden und seltsamerweise die Menschen ihren Alltag weiterleben, wird einer Zeit im heißen Italien gegenüber gestellt, wo man sich auf andere Weise an der Vergangenheit abarbeitet. Die Botschaft: irgendwie werden wir alle mit der Vergangenheit konfrontiert. Und doch. Dieses Sich-gewaltsam-Erinnern-wollen/müssen, ist so typisch deutsch! Eine Pflichtleistung gegenüber der Historie? Ja. Eine Pflichtleistung, an der man verzweifeln kann? Ja. Der Text vermittelt Bemühen und gleichzeitig Hilflosigkeit.Es gibt ein Einerseits und ein Andererseits bei der Beurteilung dieses Buches: beide Sichten sind berechtigt.Einerseits: Die eindringliche Sprache der Autorin, elegant, melodisch bis sonor, melancholisch sogar, macht aus dem Ungefähren des Textes einen nachhaltigen Text und bewirkt einen nachhallenden Eindruck. Die eigentlich bedeutungslosen Handlungsfetzen sind in Worte und Sätze gefasst, die Gefühle erzeugen. Es ist insofern kein sentimentaler und doch ein gefühliger Text. Man geht mit in die Protagonistenbefindlichkeit und konstatiert, dass es eben Leerstellen in Familiengeschichten gibt, die sich nicht füllen lassen. Auch wenn dies schmerzlich ist - that's life.Andererseits: Nicht jede Befindlichkeit muss verschriftlicht werden.Fazit: Ein lyrischer Text der Hilflosigkeit. Apart. Kann man mögen. Kann man nicht mögen.Kategorie: Autobiografischer Roman.Verlag: S. Fischer, 2026