"Gut genug ist das neue Perfekt" ¿ Endlich kein schlechtes Gewissen mehr.
Die Verunsicherung von Eltern ist ein florierendes Geschäft. Je mehr Ratgeber den Markt überschwemmen, desto größer wird das Gefühl, alles falsch zu machen. Tillmann Prüfer, Wissenschaftsjournalist und Vater von vier Töchtern, schlägt in seinem Buch "Was Sie (wirklich) über Erziehung wissen müssen" einen anderen Weg ein: Er fragt nicht nach der neuesten Methode, sondern nach dem, was die Forschung tatsächlich weiß. Und das ist überraschend entlastend.Prüfer gelingt ein Kunststück: Er schreibt wissenschaftlich fundiert, ohne akademisch zu wirken, und persönlich, ohne in Privatheit zu zerfließen. Die Anekdoten aus seinem Familienleben - etwa die demütigenden Abholszenen in der Kita oder die Verhandlungen um Bildschirmzeit - sind nicht nur amüsant, sie dienen als empathische Einstiege in komplexe Themen. Wer selbst Kinder hat, wird sich wiedererkennen und erleichtert aufatmen: Auch der Fachmann scheitert manchmal an der eigenen Tochter.Die Stärke des Buches liegt in seiner nüchternen Bestandsaufnahme. Prüfer seziert kritisch die großen Theorien und zeigt, wie viel Ideologie sich hinter scheinbar unumstößlichen Gewissheiten verbirgt. Er räumt auf mit dem Dogma des "richtigen" Erziehungsstils, entzaubert den Mutter-Kult der Bindungstheorie und stellt den Förderwahn auf den Prüfstand. Das alles tut er mit einer angenehmen Zurückhaltung: Er will nicht bekehren, sondern informieren. Wer sich auf diese Lektüre einlässt, wird belohnt mit einer Haltung, die man als befreiend bezeichnen darf. Die Kernbotschaft - Zeit mit Kindern verbringen ist wichtiger als jedes pädagogische Programm - mag banal klingen, aber sie ist es nicht. Sie ist radikal in einer Zeit, die Eltern als Projektmanager ihrer Kinder sieht.Mein Lieblings-Exkurs? Die kritische Auseinandersetzung mit der Bindungstheorie, die Prüfer als das entlarvt, was sie ist: eine wissenschaftlich angreifbare Theorie, die zur Ideologie verkommen ist. Das war ein echter "Aha"-Moment. Prüfer zeigt, dass Kinder nicht zerbrechen, wenn sie nicht ständig getragen werden oder die Mutter arbeiten geht. Sie brauchen verlässliche Zuwendung, keine perfekte Mutter.Das Buch ließe sich übrigens hervorragend als Dokumentation oder Essayfilm umsetzen - mit Prüfer selbst als charmantem, selbstironischem Erzähler, der zwischen Studium und Kinderzimmer pendelt.Ich habe das Buch sehr flüssig und mit großer Freude gelesen. Es ist unterhaltsam, klug und vor allem: entlastend. Wer es zuklappt, fühlt sich nicht wie ein schlechterer Elternmensch, sondern wie ein besserer. Dafür gibt es von mir 5 von 5 Sternen.