Episodenroman über Menschen im Osten vor und nach der Wende - bedrückend, trostlos, aber auch warmherzig und hoffnungsvoll
Der vorletzte Satz charakterisiert das Buch zutreffend: die Kachel in einer Wohnung als Sinnbild eines großen Mosaiks, teils bunt, teils düster, Porträt einer Gesellschaft, eines Ortes und seiner Menschen. Rietzschel erzählt in Episoden und Alltagsgeschichten in zwei Zeitsträngen vom Schicksal eines fiktiven Ortes und seiner Bewohner. Sanditz mit seinem Braunkohletagebau und den Fabriken wird bildhaft und anschaulich in seinen letzten Jahren vor der Wende (1978-1998) dargestellt und das veränderte Bild in der ausklingenden Corona-Zeit und dem Beginn des Ukrainekrieges gezeichnet.Am Leben verschiedener Personen, hauptsächlich der Familie Wenzel, alle differenziert charakterisiert, auch die Nebenpersonen, schneidet Rietzschel verschiedene Themen an, so tiefgründig und geschickt miteinander verflochten, dass es nicht überladen wirkt. Es geht um Familie und Freundschaft, um Heimat und Zugehörigkeit, um heimlichen Widerstand und staatliche Bespitzelung, um Reise- und Bücherverbote, um Liebe, Homosexualität und Verrat und vieles mehr.Da ist Roland, der in den Hilfskoch Achim verliebt ist, die reisefreudige 'Marmeladenpfarrerin', die heimlich mit einem Geschwisterpaar eine Bibliothek mit verbotenen Büchern unterhält, der ausgebeutete syrische Student, der unter falschen Versprechungen in die DDR gelockt wurde, Achim, der sich bemüht, Marions Kindern ein guter Vater zu sein, Dirk, der unter seiner Mutter und einem Trauma aus seiner Zeit als Arbeitssoldat leidet, der orientierungslose Tom Wenzel, der sich freiwillig in den Ukrainekrieg meldet und viele mehr.FazitTrotz der Themenfülle ein erhellendes Orts- und Gesellschaftsporträt, das Einblicke in ostdeutsches Leben und Fühlen gibt, ein lesenswerter Roman.