
Besprechung vom 18.03.2026
Nicht nur die Gruppe 47 wird hier neu frisiert
Elias Hirschls ebenso provokativ verirrender wie produktiv verwirrender Roman "Schleifen"
Im Hotel in Tokio hat Otto Mandl endlich die archivverstaubte Arbeit seines Vaters gelesen. Zu einer relativ verunglückten Konferenz war er hier. Die Auswertung mit einer Kollegin brauchte nicht viele Worte: "Sie schüttelten beide den Kopf und tranken weiter." Nun klopft der Concierge, weil Otto Mandl das Zimmer verlassen soll. Aber er ist noch nicht fertig mit dem ebenso epochalen wie vergessenen Opus seines Vaters, das ihm nun in all seiner Verstiegenheit die Augen öffnet - einerseits mathematisch, andererseits linguistisch. In keinem der beiden Fächer seien Identitätsbehauptungen in irgendeiner Form gerechtfertigt, erfährt er und stimmt ebenso intuitiv wie empirisch zu. Jede Zahl, jeder Buchstabe und überhaupt alles ist von Grund auf verschieden.
Ergo: Unsere gängigen Konzepte sind falsch und obsolet. Einzig und allein die Schleife kann ein logisch in sich geschlossenes System bilden. Den Concierge interessieren das und die Revolution der Wissenschaften nicht, er möchte nur den Verbrauch aus der Minibar zusammenrechnen, bevor er diesen besonderen Gast ungewollt in die Schleife eines nahen gigantischen Kreisverkehrs entlässt. Doch das ist schon wieder eine der vielen nächsten Geschichten.
In dieser kleinen großen Szene aus Elias Hirschls Roman "Schleifen" ist wie in einer Nussschale versinnbildlicht, was dieses Buch so sehr über den Durchschnitt hebt: sein unbändig gedankenreicher Witz jenseits des autofiktionalen Dümpelns, seine präzise Sprache, sein somnambules Balancieren auf dem zwischen Genie und Wahnsinn gespannten Seil, seine gern im Abseits suchende Erkenntnisgier, die kein Halt vor dem Absurden kennt, sein Feuerwerk unverbrauchter Ideen jenseits des Simplen . . . Oder kurz: sein Hinausgreifen meilenweit über das Übliche des Literaturgeschäfts. Bücher wie dieses ziehen Horizonte auf, indem sie die vermeintlich einfachen Wahrheiten in schöner und schön produktiver Grenzenlosigkeit überschreiten, um nach Größerem zu suchen. Und dabei fündig zu werden, natürlich ohne abschließende Antworten. Die kann man ja hinterher selbst suchen.
Was also liest man im bereits sechsten Roman des Wiener Autors vom Jahrgang 1994, der sich auch als Musiker, Slam-Poet und Dramatiker einen Namen gemacht hat? Einen Ideenroman? Eine Wissenschaftssatire? Eine etwas andere Dystopie? Ein genialisches Wunderwerk? Ein historisches Verwirrspiel? Einen unendlichen Spaß? Oder gar eine Überlistung der KI? Ja, das alles ist drin in dem Buch, das wie eine sehr andere Liebesgeschichte beginnt und von da an durch fast ausnahmslos gute Ideen mäandert.
Der Mathematiker Otto lernt im Herbst 1948 auf recht verschlungenen Wegen, die mit dem wissenschaftlichen Tun beider Eltern zusammenhängen, Franziska Denk kennen. Eigentlich wollte er nur deren Mutter seine Bewunderung ausdrücken, doch las Franziska seinen Brief als ein Ende ihrer Suche nach einem adäquaten Gesprächspartner. Franziska ist nach einem Suizidversuch in Amerika in der Psychiatrie. Sie hat so sehr ein Faible für die Sprache, dass ihr die Nennung einer Krankheit genügt, um sich mit ihr zu infizieren. Pest, Lepra, Cholera - das hat sie alles schon gehabt. Am besten für ihr Leben ist es also, wenn sie in jeder Beziehung abgeschirmt wird. Auf solche Weise isoliert, kommuniziert sie bald mit Otto, indem beide sich leere Briefbögen senden.
Weil Elias Hirschl den Reiz seiner Prosa durch eine kühne Mischung aus Realem und Fiktivem steigert, lässt er Franziska Denk 1968 bei der nur Vorhaben gebliebenen letzten Lesung der Gruppe 47 im Schloss Dobris bei Prag mit dabei sein und Hans Werner Richter ihre Frisur loben. Hirschl lädt uns zu Zeugen im Salon der Wiener Gruppe mit unter anderen dem Logiker Gödel, dem Physiker Schlick und dem Philosophen Wittgenstein, macht uns zu Zeugen des Streits um die Plansprachenideen von Leibniz, setzt Kafka gegen die "Freud'sche Präzisionslosigkeit", informiert über iterative Vektorräume oder interdimensionale Teichmüller-Theorie (alles nicht fiktiv) und deren Fortführung hin zu "subsubanalytischen Minamoto-Teichmüller-Räumen". Hirschl macht bekannt mit der drittstärksten mongolischen Partei, einem Gegenentwurf zu John Cages 4'33'' und dem Schmerzmittel Dolorvid, dessen Beipackzettel man sich vorstellen muss wie ein Möbiusband (alles fiktiv).
Es ist gar nicht schlimm, wenn man darüber die Orientierung verliert. Otto Mandl und Franziska Denk verlieren sie auch. In der Nähe des Berliner Savignyplatzes hatten sie eine gemeinsame Wohnung. Dann radikalisierte sie sich mit ihren Aktionen immer weiter und wurde auf dem Weg des Postverbalen immer seltsamer als selbst ernannter Guru ihres Instituts für angewandte Sprachforschung. Als sie ihren Personenkult vollendet sieht, gilt nur noch: Leiter wegstoßen und eigenen Staat gründen. Da hat sich Otto längst aus dem Staub gemacht, um sich von der experimentellen Poesie wieder der Mathematik zuzuwenden, was ihm bei der finalen Orientierung im gigantischen Tokioter Kreisverkehr auch nicht helfen kann.
"Das Problem ist eher die Menge an Informationen", heißt es irgendwo in diesem vor Stoff überquellenden Roman. Dies ist eines der Probleme unserer Zeit, aber eben nicht dieses Buchs. Das verschlingt man einschließlich einer Fülle äußerst lesenswerter Fußnoten, weil Elias Hirschl nahezu durchgängig versteht, voller Esprit und Originalität so durch vielfach vermintes Gelände zu führen, wie das nur gute Literatur kann. ULRICH STEINMETZGER
Elias Hirschl:
"Schleifen". Roman.
Zsolnay Verlag,
Wien 2026.
416 S., geb.
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