| Rezensionsexemplar |
Es ist wieder Zeit für den Deutschen Buchpreis und ich habe zwei Bücher der Longlist als Rezensionsexemplar erhalten.
In dieses Buch wollte ich gestern Abend eigentlich nur kurz reinlesen. Hat mittelmäßig gut funktioniert. Die erste Hälfte habe ich regelrecht verschlungen.
So sehr hat mich Lales Geschichte gefesselt und gleichzeitig beschäftigt. Sie gibt einen Einblick in die Lebensrealität von Kindern, deren Startbedingungen so völlig anders sind als die ihrer Altersgenossen. Besonders der Unterschied zwischen Lales Leben und dem ihrer gutbürgerlichen Freundin Lina hat mich sehr beschäftigt. Nicht, weil Lale anders ist, sondern weil sie unter völlig anderen Bedingungen aufwächst.
Erwachsene schauen weg. Lale wird vernachlässigt und sie erlebt Dinge, die kein Kind erleben sollte. Gleichzeitig gibt es immer wieder Erwachsene, die versuchen zu helfen. Menschen, bei denen man sich beim Lesen irgendwann fragt: Was wäre gewesen, wenn nur einer von ihnen an der richtigen Stelle ein bisschen hartnäckiger gewesen wäre?
Auch die Bedeutung von Schule fand ich unglaublich gut eingefangen. Für Lale bedeutet sie nicht nur Unterricht, sondern Routine, Regeln und Vorhersehbarkeit. Dinge, die für andere Kinder selbstverständlich sind und für sie plötzlich zu einem sicheren Hafen werden. Ein Pausenbrot!!
Die Szene mit dem Schneeanzug hat mich unglaublich berührt.
Überhaupt fand ich die Charakterzeichnung von Lale sehr stark. Vieles davon kennt man vielleicht aus dem echten Leben: Verhaltensweisen, die man schnell als schwierig, auffällig oder distanzlos abstempeln will ohne sich zu fragen, was eigentlich dahintersteckt.
Die erste Hälfte hat mich also kaum losgelassen. Und ich glaube, dieses Buch ist definitiv ein Gesprächs-Opener. Es bringt einen dazu, über Vernachlässigung, Kindheit, Verantwortung und darüber nachzudenken, wie viel Unterschied ein einzelner aufmerksamer Erwachsener machen kann.
Vom Lesegefühl her hatte es für mich stellenweise ein bisschen etwas von 22 Bahnen und Windstärke 17. Trotz der schweren Themen hatte ich eine wirklich gute Lesezeit.
In der zweiten Hälfte wurde es für mich allerdings zunehmend wirr. Ich verstehe durchaus, dass dies auch Lales eigenes Leben widerspiegeln soll. Das ihr Leben immer mehr aus dem Ruder läuft und die Erzählweise das aufgreift. Für mich führte das aber dazu, dass ich der Geschichte irgendwann nicht mehr so gut folgen konnte.
Das Ende hingegen fand ich sehr schön. Besonders, weil sich dort der Kreis schließt.
Die erste Hälfte hat mich deutlich stärker gepackt als die zweite, aber allein wegen der Gedanken, die dieses Buch bei mir angestoßen hat, bin ich froh, es gelesen zu haben.
Und für alle, die Bücher mögen, die nach dem Lesen noch ein bisschen im Kopf bleiben: vielleicht ist das hier etwas für euch.