Sie war noch nie eine Sklavin festgelegter Vorgehensweisen, gleichzeitig betrachtet sie sich nicht als eine Frau, die es mit dem Heiraten eilig hätte. Aber plötzlich ist da dieser Gedanke, den sie nicht recht in Worte fassen kann: Seit sie erwachsen ist, sucht sie nach etwas, dem sie sich verschreiben kann, etwas, das radikalisiert, das mit wilder Kraft vorwärts drängt, das die Welt herausfordert, anders und authentischer zu sein. Künstler haben mehr Freiheiten als die meisten anderen Menschen, das weiß Amélie. Sie können jenseits der gesellschaftlichen Parameter existieren mit allen Vor- und Nachteilen. Vielleicht wäre das auch ein Raum für sie selbst, mit ihren eigenen Ambitionen und ihrem Tatendrang. Sie verfügt über ausreichend finanzielle und intellektuelle Mittel, die verhindern, dass dieser Mann sie ins Verderben stürzen kann, und vielleicht, nur vielleicht, wäre sie eine Art Katalysator, um ihn zu mehr Wagemut anzutreiben.
Eigentlich will die freigeistig erzogene Amélie Noellie Parayre (1872-1958) sich keinem Mann unterordnen, sondern ihm auf Augenhöhe begegnen. Nun, wie es häufig mit Vorsätzen so ist, wirft sie den ihren kurz nach der Hochzeit (1898) mit Henri Matisse (1869-1954) über Bord. Recht schnell haben sie zwei Kinder, aber kaum Einkommen. Während Henri verzweifelt, ist es Amélie, die das Heft in der Hand behält und ihn motiviert. Gleich nach der Hochzeit tritt Maguerite (1894-1982), die vier Jahre alte, uneheliche Tochter Henris aus einer früheren Liebschaft, in das Familienleben. Amélie nimmt das unterernährte Mädchen in die Familie auf.
Marguerite wird neben Amélie eine lebenslange, wichtige Rolle in Henris Leben spielen. Als Jugendliche steht sie ihm Modell, während Amélie den Haushalt schupft, Verträge prüft, Einnahmen und Ausgaben managt, sowie die Launen ihres Mannes ertragen muss. Ach ja, auch Amélie muss ihm Modell stehen. (Eh klar, oder?) Also alles entwickelt sich genau so, wie sie nie leben wollte.
Und dann, nach dem sie endlich zu ein wenig Geld kommen, erkrankt Amélie. Um sie zu entlasten werden diverse Dienstmädchen engagiert, die alle nicht lange bleiben, bis auf eine: 1931 kommt die junge Russin Lydia Delektorskaja (1910-1998), die trotz ihre Jugend ein entbehrungsreiches und gefährdetes Leben hinter sich hat, in den Haushalt, was längerfristig zu einem Fiasko führen wird. Denn Lydia ist neben Amélie und Marguerite die dritte starke Frau im Leben des Künstlers.
Nachdem Amélie überzeugt ist, dass Lydia, trotz des großen Altersunterschieds von 41 Jahren. die Geliebte ihres Ehemannes ist, stellt sie ihn vor das Ultimatum: Ich oder sie. Er entscheidet sich für Amélie und Lydia überlebt einen Selbstmordversuch nur knapp. Amélie trennt sich dennoch von Matisse. Wenig später erkrankt Henri Matisse schwer und Lydia kehrt als Pflegerin bis zu seinem Tod zurück.
Amélie wird ein eigenes Leben führen und wie Marguerite die Résistance unterstützen, verhaftet werden und überleben, weil die Alliierten sind inzwischen in der Normandie gelandet und Frankreich von der Nazi-Herrschaft befreit haben.
Nach dem Tod von Henri Matisse werden Amélie und Marguerite sein Vermächtnis fortsetzen, indem sie Werke an Museen spendet und dafür sorgt, dass seine Kunst einem breiteren Publikum zugänglich ist.
Meine Meinung:
Ich habe vor kurzen das Buch Unsichtbare Musen der Autorin Elisa von Hof gelesen, die über zahlreiche Frauen berichtet, die ihr eigenes Leben dem ihres Künstlergemahl oder Liebhaber völlig unterordnen und auf ihr eigenes verzichten oder vergessen. Die drei Frauen, die in Die drei Farben der Liebe dargestellt werden und Henri Matisse zu seinen künstlerischen Höhenflügen verholfen haben, kommen in dem Buch über die Musen nicht vor und Matisse selbst wird nur am Rande erwähnt.
Deshalb habe ich zu Sophie Hayducks Buch gegriffen, das eine Auseinandersetzung mit der Rollenverteilung im Leben von Henri Matisse verspricht. Ich bin nicht enttäuscht worden.
Der Autorin ist es sehr gut gelungen, die Rollen die die drei Frauen in Henri Matisses Leben spielen, darzustellen. Passend zum jeweiligen Lebensabschnitt des Künstlers steht eine der drei Frauen, Amélie, Marguerite oder Lydia im Zentrum. Nun könnte man einwerfen, ein so großer Künstler wie Henri Matisse brauche einfach mehrere Lebensabschnittspartnerinnen, um seine Kreativität auszuleben. Ich habe Matisse eher als Zaudernden erlebt, der ohne die unkonventionelle Amélie gescheitert wäre. Ich habe nicht den Eindruck, dass Amélie ihren Mann auf ein Podest gehoben und ihn bedingungslos angehimmelt hätte. Eher hat sie ihn angetrieben.
Bezeichnend ist, dass es auf Wikipedia keine eigene Seite für Amélie gibt. Nicht, dass ich Wikipedia für das Maß aller Dinge halte, aber das scheint bezeichnend für Ehefrauen von Künstlern zu sein: Sie werden oft als Muse gesehen, ihr eigentlicher Anteil an den Kunstwerken wird häufig verkannt.
Der Schreibstil ist flüssig und lässt sich sehr gut lesen. Gut gefallen hat mir, dass Henri Matisse nicht im Zentrum des Romans steht, sondern die drei Frauen.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der versucht, den Anteil, den Amélie, Marguerite und Lydia, im Leben von Henri Matisse gehabt haben, zu würdigen, 5 Sterne.