Ein kluger Roman, der in mir nachhallt.
Was wäre, wenn man schmerzhafte Erinnerungen einfach löschen könnte - und mit ihnen gleich ein ganzes Stück von sich selbst? Genau diese Frage zieht sich durch Evann Normandins Debütroman und das Buch ist definitiv eine Lektüre, die zum Nachdenken anregt. Den Wunsch, alles vergessen zu können - Schmerz und Trauer aber eben leider auch das Schöne, finde ich spannend und die Idee einer Pille zum Löschen von Erinnerungen hat mich sofort gepackt, da sie viele Aspekte bietet, die es zu ergründen gilt.Rose und Landon lernen sich am College kennen, sind nach kurzer Zeit unzertrennlich, heiraten, bauen ein gemeinsames Leben auf. Doch Rose bringt einen schweren Ballast mit: Ihr geliebter Vater erkrankt früh an Alzheimer, ihre Mutter zerbricht daran und versinkt in der Alkoholsucht. Verlust und Ablehnungsängste prägen Rose und ein tragischer Schicksalsschlag, der erst am Ende aufgelöst wird, bringt sie dazu, der Versuchung nachzugeben und nochmal ganz von vorn anzufangen. Zu verfolgen, wie sich ihre Geschichte über verschiedene Zeitebenen hinweg entfaltet, ließ ihre Beziehung sehr komplex und echt wirken.Das Buch liefert keine einfachen Antworten und stellt nicht einfach eine Liebesgeschichte nach, sondern schaut genau hin und fragt, wie eng Identität und Erinnerung verknüpft sind und was von einem Menschen bleibt, wenn man ihm seine Erinnerungen nimmt. Das Gedankenexperiment ist futuristisch aber emotional völlig nahbar.Die doppelte Perspektive trägt die Geschichte meisterhaft. Rose erzählt in der Vergangenheit, Landon in der Gegenwart - und aus diesen beiden Strängen setzt sich Stück für Stück zusammen, was passiert ist. Dieses langsame Enthüllen hat mich bis zum Schluss gefesselt.Der Umgang mit Trauer und Verlust ist einfühlsam und unaufgeregt. Normandin schreibt über Schmerz ohne Überdramatik, über Liebe ohne Kitsch. Das macht die Figuren glaubwürdig und nahbar. Dazu passte auch der ruhige Schreibstil.Ich habe Roses Entscheidung verstanden aber auch Landons Beharren, auch wenn es an die Grenzen des Zumutbaren stößt. Genau diese Ambivalenz macht für mich das Buch aus.Fazit: Ein gefühlvoller, kluger und tiefgründiger Roman über die Macht der Erinnerung, den Preis des Vergessens und die Frage, ob eine Liebe groß genug ist, um ein zweites Mal zu wachsen. Das Buch wirkt definitiv noch lange nach.