Historiker und Autor Andreas Pittler, der durch sein Krimis rund um David Bronstein bekannt ist, entführt uns mit Grenzwertig in das Jahr 1990, das vom Fall des Eisernen Vorhangs und diffusen bzw. durchaus berechtigten Ängsten der österreichischen Bevölkerung geprägt ist. Man fährt gerne nach Znaim/Znojmo (damals noch Tschechoslowakei) oder nach Sopron/Ödenburg (Ungarn), um um wenig Geld fein zu speisen oder billig einzukaufen. Umgekehrt sind Tschechen und Slowaken sowie Ungarn nicht so gerne gesehen, verpesten sie doch einerseits mit ihren Zweitaktern die Luft und verstopfen die Straßen, andererseits wird ihnen jede Schandtat, Mord inklusive zugeschrieben.
So ist es auch kein Wunder, dass der Mord am alten Säufer Höller nur von einem Auswärtigen begangen worden sein kann. Die Hiesingen, also die einheimischen Bewohner der Waldviertler Stadt Hardegg, würden so etwas nie machen, oder?
Beinahe gleichzeitig wird in einer Wiener Innenstadtbar eine Animierdame brutal erstochen und verstümmelt. Inspektor Paul Zedlnitzky übernimmt die Ermittlungen, die ihn und seine Kollegen tief ins Wiener Rotlichtmilieu eintauchen lassen. Dort ist die Sorge groß, dass es wegen der Ostöffnung zu Revierkämpfen zwischen den etablierten Strichgrößen und den Neuen kommen wird, streben doch nun zahlreiche Zuhälter mit ihren Prostituierten in den Goldenen Westen.
Für die aufmerksamen Leserinnen und Leser stellt sich natürlich sofort die Frage: WIE hängen die beiden Mordfälle zusammen? Denn, dass es einen gemeinsamen Bezug geben muss, ist dem geneigten Pittler-Fan klar.
Meine Meinung:
Das Cover zeigt die wieder errichtete Thayabrücke Hardegg ížov, die eine Fußgänger- und Radverkehrsbrücke ist, deren Eröffnung am Gründonnerstag, den 12. April 1990 hier im Buch eine Rolle spielt. Der blaue Himmel trügt ein wenig, denn die Stimmung ist eher dunkelgrau und drückt aufs Gemüt. Da ist es ja gut, dass das Allheilmittel Doppler und Schnapsflasche gleich zur Hand sind. Jahrzehntelang sind die Staaten des Warschauer Pakts vom Westen abgeschottet. Nur vereinzelt und oftmals illegal gibt es heimliche Zusammenkünfte und Austausch - vornehmlich billige, weil geschmuggelte, Zigaretten. Und jetzt ist alles anders. Die Bewohner an der niederösterreichischen Grenze haben Angst um ihre Arbeitsplätze und um ihr ohnehin geringes Vermögen.
Andreas Pittler hat die düstere Stimmung dieser Zeit sehr gut eingefangen. Wer Pittlers Bücher kennt, weiß, dass er ausgiebige Milieustudien betreibt, wobei das diesmal (fast) nicht notwendig ist, denn der werte Herr Autor, ich darf es wohl sagen, ist Jahrgang 1964 und hat die Zeit live und in Farbe (wie man in Wien sagt) erlebt. Deshalb sind seine Charaktere aus dem damaligen Leben gegriffen. Es wird in Wohnungen, Autos und Büros geraucht, was die Lunge aushält oder auch nicht, Alkohol am Steuer ist besonders am Land ein Kavaliersdelikt, die gsunde Watschen hat noch nicht ausgedient und die Altvorderen haben ihre eigene Vorstellung von Erziehung:
Sein Vater stünde der Problematik, dessen war sich Zedlnitzky sicher, vollkommen verständnislos gegenüber. Der eigene Enkel ein Schlurf? Dann ab ins Heim für schwer Erziehbare! Tagwache um 5 Uhr früh, Dauerläufe, Kniebeugen und Liegestütze bis zum Umfallen hätten noch jeden Halbstarken zur Räson gebracht, würde sein Credo lauten
Gleichzeitig besteht die Exekutive noch aus Gendarmerie und (Stadt)Polizei, die einander nicht immer grün sind. Apropos Gendarmerie: Die Gepflogenheit, betrunkene Dorfbewohner manchmal auch mit dem Dienstwagen heimzufahren, ist nicht erfunden.
Schmunzeln musste ich über die (zumindest namentliche) Auftritte von echten Rotlichtgrößen (z. B. Heinz Bachheimer) sowie über das Einbinden von Charakteren aus anderen Krimi-Reihen wie Oberst Brandner, Ignaz Wessely, Sandler Rudi, Kurt Brösler und natürlich Trautmann (aus der gleichnamigen Reihe von Ernst Hinterberger) oder Simon Polt aus den Romanen von Alfred Komarek, die ja im Pulkautal spielen.
Andreas Pittler ist es wieder meisterhaft gelungen, Kriminal- und Zeitgeschichte miteinander zu verknüpfen. Ich mag seinen Schreibstil, der immer wieder Erinnerungen an Kindheit und Jugend (ich bin Jahrgang 1960) hoch kommen lässt.
Die gesamte Handlung erstreckt sich zwischen dem 16. und dem 22. April 1990. Ermittelt wird so gründlich wie es ohne GPS, DNA-Abgleich oder Mobiltelefone eben geht. Paul Zedlnitzky dehnt hin und wieder den Spielraum der Gesetze ein wenig, um möglichst effizient zu sein.
Wer mehr über Paul Zedlnitzky lesen möchte, dem sei Der Fluch der Sirte ans Herz gelegt, in dem er, nun längst zum Oberst befördert, in einem diffizilen Mordfall, der hochpolitisch ist, ermitteln muss.
Fazit:
Mir hat dieser Krimi sehr gut gefallen, sei ob Andreas Pittlers Schreibstils, seiner Charaktere oder sei es, dass ich mich an beiden Tatorten auskenne. Gerne gebe ich hier eine Leseempfehlung und 5 Sterne. Mögen noch weitere Krimis folgen!