Kann ein nicht-sprechender Autist ein Buch schreiben? Ein richtig tolles Buch, das zum Nachdenken anregt, uns in eine vielen unbekannte Welt entführt und ein leidenschaftliches Plädoyer dafür ist, Menschen nicht vorschnell als dumm abzustempeln? Viele Menschen haben dazu unzutreffende Vorurteile, dazu gleich hier ein Zitat aus dem Buch: "Wenn es um Sprache geht, können die Leute ganz schön elitär sein. Kannst du nicht kommunizieren, muss das bedeuten, dass du geistig zurückgeblieben bist." (S. 17)Aber doch: so etwas ist möglich, und dafür ist "Ein ganz normales Wunder" ein beeindruckendes Beispiel. Der nicht-sprechende Autist Woody Brown hat an der Columbia University in den USA Creative Writing studiert und verständigt sich mit Hilfe einer Buchstabentafel. Auf diese Weise und mit Unterstützung seiner engagierten Mutter hat er auch dieses Werk verfasst. Dabei ist es wichtig, dass Menschen wie der Autor Woody, oder sein Alter Ego "Walter" im Buch, einfühlsame Unterstützungspersonen haben, denn auch und gerade autistische Menschen können sehr sensibel sein: "Wichtig ist auch, dass der Helfer in sich ruht. Ich spüre die Energie. Meine Konzentration wird zunichtegemacht, wenn derjenige, der mir hilft, gestresst ist oder über zu wenig Selbstvertrauen verfügt. Gute Seele + gutes Training = guter Helfer. Hohe Anforderungen für einen schlecht bezahlten Job." (S. 18)Im Zentrum stehen die Menschen der fiktiven Behindertenbetreuungsstätte"Upward Bound"in den USA. Dort arbeiten Betreuer und Betreuerinnen, von denen viele durchaus ein gutes Herz haben und die ihr Bestes geben, oft selbst aus finanziell schwierigen Milieus stammen, herausfordernde Lebensgeschichten haben oder nur kurz als Aushilfe dort arbeiten, schlecht bezahlt sind und wenig gesellschaftliche Wertschätzung für ihre Arbeit erhalten. Aber es gibt auch Lichtblicke, zum Beispiel gibt es einen Pool und so bekommen die behinderten Menschen jeden Tag die Möglichkeit zum Schwimmen. Wöchentlich wird ein Ausflug zum Supermarkt "Target"gemacht, bei dem das Pflegepersonal mit ihren Schützlingen die immer gleichen Wege abgeht, ohne jemals etwas zu kaufen. Das soll sie mit der Welt draußen und dem Alltagsleben dort vertraut machen.Tragisch ist, dass in einigen Körpern der nach außen so beeinträchtigt wirkenden Menschen ein wacher, intelligenter Geist wohnt, der sich von all dem stark unterfordert fühlt und meist nicht als solcher erkannt wird:"Es hat keinen Sinn, im Einzelnen zu beschreiben, was Tom den ganzen Tag lang macht. Er wird von einer Aktivität zur anderen gekarrt. Er kann bei nichts richtig mitmachen. Er schaut einfach nur zu. Manchmal vergessen die Mitarbeiter, ihn woandershin zu schieben, und er sitzt nur da, bis er jemandem auffällt. Das ist ein bisschen frustrierend, aber Tom ist schon vor langer Zeit zu dem Schluss gekommen, dass es ihn nur unglücklicher macht, seinen Zustand zu beklagen." (S. 43)Dabei zeigt sich auch, wie viel von dem Potential der Menschen in solchen Institutionen auch bei guter Absicht oft nicht gelebt werden kann, etwa, weil niemand die Zeit hat, sich mit einer Buchstabentafel hinzusetzen und so einem nicht-sprechenden Autisten die Möglichkeit zu geben, zu kommunizieren... oder auch, weil gar niemand auf die Idee kommt, dass das im Rahmen des Möglichen liegen könnte: "Walter ist bewusst, dass Emma ebenso wie er auf Buchstaben deuten kann, um zu kommunizieren. Wie die meisten Buchstabierer brauchen sie Kommunikationspartner oder Helfer, die ihnen das Zeigen erleichtern. Bei Upward Bound gibt es keine dazu ausgebildeten Helfer. Walters und Emmas Fähigkeiten liegen hier brach." (S. 145)In den einzelnen Kapiteln erleben wir die Sichtweisen und den Tagesablauf der überwiegend autistischen Menschen und einiger ihrer Betreuerinnen und Betreuer, immer weise beobachtet von Walter. Dabei wird deutlich, wie wenig wir oft als Gesellschaft noch über die als behindert angesehenen Menschen wissen, wie schnell wir sie vorschnell abstempeln, aber auch, wie viel Potential in vielen steckt, das bei guter, individueller Förderung gelebt werden könnte. Ich kann das Buch einer breiten Leserschaft nur wärmstens empfehlen, um eine neue Sichtweise auf die Potentiale der Menschen, die wir als behindert bezeichnen, zu entwickeln, und zu erkennen, wie viel Intelligenz oft in einem Menschen stecken kann, dem wir es nicht gleich anmerken, aber auch, wie viel Unterschied engagierte und gezielte Förderung machen kann. Möge es viele Herzen berühren und zu einem Umdenken anregen, gerade in Zeiten, wo leider auch in Europa in vielen Bereichen soziale Unterstützung eher gekürzt als ausgebaut wird.