Großartiger Roman verfasst in der Innenansicht von Menschen mit Beeinträchtigungen - und deren Betreuer*innen
Walter, Tom, Jorge, Emma - sie alle haben eine Gemeinsamkeit: sie sind beeinträchtigte Menschen, denen es schwer fällt, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Sie eint, Personen mit Autismusspektrumsstörung zu sein und in der selben Einrichtung - Upward Bound - werktags betreut zu werden. Während viele nicht beeinträchtigte Menschen ihnen absprechen, Teil der "normalen" Welt zu sein, erfahren wir in "Ein ganz normales Wunder" viel von ihrem Innenleben, das uns lediglich voneinander unterscheidet, da das Kommunizieren für sie nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist. Der Autor selbst, Woody Brown, ist selbst betroffener Autist, der ebenfalls nicht sprechen kann. Er hat aber einen Weg gefunden, nach außen zu kommunizieren, indem er auf eine Buchstabentafel zeigt. Vor allem deshalb, weil seine engagierte Mutter nie den Glauben an ihn verloren hat und ihn bestmöglich unterstützt. Dass etliche Leser*innen dieses Buches ihm absprechen wollen, es selbst geschrieben zu haben, macht nicht nur traurig, sondern gibt auch ein von Ableismus geprägtes Gesellschaftsbild wieder. Der Roman ist in einzelne Episoden aufgeteilt, die immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden. Wir erfahren so, was der autistische Walter denkt - jener Charakter, der sehr stark an die Biographie des Autors angelehnt ist; wie es dem hübschen, aber nicht aus der Stille seiner Existenz herauskommenden Tom tatsächlich geht mit den Begegnungen mit anderen Menschen; was Jorge dazu treibt, immer wieder abhauen zu wollen. Aber auch die Betreuenden selbst werden portraitiert, wie etwa Carlos, der zwar eine unstete Vergangenheit aufweist, sich aber sehr gut in Jorge hineinfühlen kann oder aber die junge Sommerbetreuerin Ann, die Tom nicht nur deshalb toll findet, weil er gut aussieht, sondern weil sie merkt, dass mehr hinter seiner schweigsamen Fassade steckt, als die meisten Menschen wahrnehmen. Gerade dieses Hineinversetzen in die unterschiedlichen Perspektive zeugt davon, wie reflektiert der Autor ist, welche schriftstellerische Gabe er hat - unabhängig davon, ob er nun eine Behinderung hat oder nicht. Alle Figuren, das gesamte Geschehen des Romans - besonders auch das tragische Ende - wirken authentisch und konstatieren Einfühlungsvermögen gepaart mit Kreativität. Wir bekommen dadurch einen erweiterten Einblick in die Realität vieler Menschen, die in unserer Gesellschaft einfach nicht mitgedacht werden. Das ist nicht nur erfrischend und innovativ, sondern vor allem augenöffnend. Die Beobachtungsgabe und Offenheit des Autors ist bereichernd und unterhaltsam zugleich.Mein Fazit: "Ein ganz normales Wunder" ist ein großartig gelungenes Portrait über Menschen mit und ohne Behinderung, das allen Lesenden einen wahnsinnig gut gelungenen Perspektivwechsel beschert und noch dazu überaus unterhaltsam ist. Meines Erachtens sollte das Buch zu einer Pflichtlektüre für alle Schülerinnen und Schüler werden, damit sie erkennen können, dass viele Menschen durch die Gesellschaft behindert werden, nur, weil sie nicht in der Lage sind nach unseren Maßstäben zu kommunizieren. Ein Buch, das berührend, erkenntnisreich und tiefgehend ist und das sich keine*r entgehen lassen sollte!