Nichts außer Charlotte. denkt François Sauvin, ihr Vater. Und er hat recht. In diesem Roman von Alice Austen begegnet der Leser vielen Bewohnern des Hauses 33 Place Brugmann in Brüssel, aber am Ende ist es zumindest für mich nur diese Charlotte Sauvin, die mich fesselte.
Der Roman beginnt mit dem Protokoll der Bewohner von 33 Place Brugmann am 2. April 1939, nur eine Person ist gestrichen, weil verstorben. Am 20. Januar 1942 wird sie aktualisiert, wie sie nach Kriegsende aussehen wird, bleibt der Phantasie der Leser überlassen. Zwischen diesen beiden Daten liegt eine Welt. Alice Austen nimmt die Hausbewohner in die Pflicht, jeder berichtet aus seiner Sicht von Ereignissen, Gerüchten, Liebe, Verrat, einem Hund namens Zipper und der verschwundenen jüdischen Familie Raphaël, von Kleidern, die genäht werden und Köpfen, die für Hüte vermessen werden, und von einem ungeborenen Kind. Anfänglich fiel es mir nicht leicht, den unterschiedlichen Personen und ihren Gedankengängen zu folgen, aber ich gewöhnte mich an den ungewöhnlichen Stil. Und ich gewöhnte mich an Charlotte, die als Halbwaise bei ihrem Vater aufwächst, künstlerisch sehr begabt ist, aber vollkommen farbenblind.
Die Zeit, in der der Roman angesiedelt ist, lässt schon 1939 nichts Gutes ahnen, der Faschismus wirft seine Schatten voraus, als im Mai 1940 das neutrale Belgien von deutschen Truppen überfallen wird und Ende Mai kapituliert, wäre es für die Familie Raphaël wohl sehr viel schwieriger geworden, in Sicherheit zu kommen. Die Rechtzeitigkeit ihres Verschwindens bedeutet aber für Charlotte auch, dass sie den geliebten Jugendfreund Julian verliert. Aber noch bleibt ihr Masha, eine Schneiderin, die als staatenloser Flüchtling mit einem Nansen-Pass Zuflucht gefunden hat in diesem Haus, direkt unter dem Dach, als Ersatzmutter und Freundin. Auch sie wird misstrauisch beäugt, wie fast jeder Bewohner sich vom anderen beobachtet fühlt. Die einen still, die anderen laut, so wie das ganze Haus.
Die surreale Lage, in der sich die Hausbewohner ebenso wie die Deutschen befinden, wird mit Hilfe von Traumsequenzen noch verstärkt. Die ständig wechselnden Perspektiven erleichterten mir die Rezeption des Buches nicht. Das Davor und Danach machen es aber leichter, sich die Brüsseler Welt im Kleinen vorzustellen. Der Roman wurde schon im Vorfeld hochgelobt, auf der Umschlagrückseite ist zu lesen: »Das größte Leseerlebnis seit Jahren.« Oprah Daily. In der Originalfassung gibt es mindestens 20 Auszüge aus lobenden Rezensionen, bevor der Roman überhaupt beginnt. Nun sind Buchempfehlungen in jedem Fall sehr subjektiv, ich würde den Satz von Ophra Daily jedenfalls nach dem Lesen nicht verkünden. Mir hat das Buch nur teilweise gefallen, Euphorie hat es nicht ausgelöst. Und das, obwohl ich mich sehr häufig mit der Thematik Nationalsozialismus, Holocaust und Zweiter Weltkrieg beschäftige. Oder gerade deshalb.
Die originale Leseprobe (von amazon.de) habe ich auch noch gelesen, sie hat mir gut gefallen, ersetzt aber natürlich nicht den Eindruck für das gesamte Buch. Frauke Brodd hat den Roman aus meiner Sicht so authentisch und gut lesbar wie möglich ins Deutsche übersetzt.
Fazit: Ich möchte keine ausdrückliche Leseempfehlung geben, aber empfehle das Lesen von anderen Rezensionen. Da wird vielleicht das Interesse dann doch geweckt.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.