Ein eindringliches Porträt einer Hausgemeinschaft unter deutscher Besatzung in Belgien
Die dicken Mauern des Hauses am Place Brugmann wirkten auf mich wie ein Schutzraum. Doch wie die Realität Schritt für Schritt hinter die Türen dieses Hauses dringt, fand sie auch ihren Weg in meine Gedanken. Was zunächst wie die Geschichte einer Hausgemeinschaft beginnt, entwickelt sich zu einem eindringlichen Porträt einer Gesellschaft, die sich unter deutscher Besatzung neu orientieren muss.Im Mittelpunkt steht ein Wohnhaus in Brüssel und seine überwiegend wohlhabenden Bewohner, deren Perspektiven wir als Leser folgen. Sie erleben den Einmarsch der deutschen Besatzer in Belgien aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild einer Gesellschaft im Ausnahmezustand.Charlotte, Masha und die jüdische Familie Raphaël, allen voran Léo haben sich am tiefsten in mein Herz gelesen. Gleichzeitig sorgen Figuren wie die böswillige Agathe dafür, dass die Spannung nie nachlässt. In diesem Haus begegnen sich Mut und Feigheit, Mitgefühl und Eigennutz, Widerstand und Anpassung auf engstem Raum.Der Stellenwert der Kunst im Krieg nimmt einen besonderen Raum ein, was mich schon immer fasziniert hat. Gemälde, Architektur, kulturelles Erbe und den systematischen Kunstraub der Nationalsozialisten teilen sich die Seiten mit den Protagonisten. Kunst wird hier zu Erinnerung, Identität und Widerstand, was u.a. die Tiefe des Romans zeigt. Gleichzeitig wird deutlich, was verloren geht, wenn Menschen nicht nur um ihr Leben, sondern auch um ihre Kultur und Geschichte fürchten müssen.Die sorgfältige Recherche, die flüssige Sprache und der Blick der Autorin für die großen Zusammenhänge machen dieses Buch für mich zu einem Pageturner. Dabei zeichnet Alice Austen (und im Roman stellvertretend für sie Charlotte auf Papier) das Bild einer Gesellschaft im Ausnahmezustand am Beispiel einer Hausgemeinschaft. Was Charlotte auf der Leinwand bewahrt, bewahrt der Roman in Worten. Die Bewohner des Hauses, ihre Hoffnungen, ihre Ängste, ihre Fehler und ihre Menschlichkeit. So entsteht aus vielen einzelnen Schicksalen ein großes Gesamtbild.