Zwischen frischer Seeluft, Kuralltag und den Erwartungen einer ganzen Gesellschaft läuft eine Geschichte an, in der die Figuren klar im Mittelpunkt stehen. Man kommt schnell in ihre Lebenswelt hinein, weil Sorgen, Hoffnungen und Wünsche sehr nah erzählt sind.
Edith, Wally und Mette tragen jeweils ihre eigenen Belastungen. Edith soll eigentlich zu Kräften kommen und sich auf ihre Zukunft vorbereiten, spürt aber immer stärker, dass andere über ihren Weg bestimmen wollen. Wally lebt in einer Rolle, die jederzeit kippen kann, weil sie auf einer Täuschung beruht. Bei Mette liegt der Druck vor allem in der Verantwortung für ihre Familie, während eigene Wünsche kaum Raum haben. Zwischen den Frauen wechselt die Perspektive, ohne dass es hektisch wirkt.
Das Leben auf Hiddensee zeigt sich nicht auf einen Schlag, eher Stück für Stück. Feste Abläufe im Kurbad, Wege über das Gelände, kleine Begegnungen zwischendurch und stille Momente am Wasser fügen sich nach und nach zusammen. Daraus entsteht ein Eindruck vom Alltag, der ruhig bleibt und trotzdem dicht wirkt.
Die Figuren bekommen Zeit, sich zu entwickeln. Gefühle werden eher angedeutet als ausgestellt, vieles ergibt sich aus den Situationen selbst. Dadurch wirkt das Geschehen nah und glaubwürdig. Immer wieder tauchen Fragen nach Selbstbestimmung und den engen Grenzen der Zeit auf, ohne dass sie betont in den Vordergrund rücken.
Nicht jede Passage läuft gleich rund. Vor allem in der Mitte zieht sich die Handlung an manchen Stellen etwas. Gleichzeitig passt genau dieses langsamere Tempo gut zur Insel und zu der Stimmung, die der Roman aufbaut.
Tragen tun die Geschichte am Ende vor allem die Figuren selbst. Ihre Entscheidungen, Unsicherheiten und kleinen Veränderungen bleiben hängen, nicht einzelne Ereignisse. Insel, Kurleben und persönliche Wege greifen ineinander und ergeben ein ruhiges Gesamtbild einer Zeit, in der Frauen nur wenig Spielraum hatten.
4 Sterne und eine Leseempfehlung.