Da hält man ein kleines, schön eingebundenes Buch in den Händen - und zwischen den Buchdeckeln geht es dann richtig zur Sache. Gut, dass gleich zu Beginn vor der Darstellung von Gewalt gewarnt wird.Mit Nordstadt hat Annika Büsing einen Debütroman vorgelegt, der mich in eine mir völlig fremde Welt geführt hat. Nene ist gerade einmal zwanzig Jahre alt und hat bereits so viele schlimme Erfahrungen machen müssen, dass man sie beim Lesen am liebsten ununterbrochen in den Arm nehmen möchte.Aber Nene ist auch eine Kämpferin. Zwischen all den nüchternen Abläufen beim Jugendamt wurden immer wieder gute Entscheidungen getroffen, die ihr schließlich eine Perspektive eröffnet haben. So ist sie Bademeisterin geworden - ein Beruf, den sie liebt. Sie hat einen Weg gefunden, ihre Erlebnisse zunächst auf Abstand zu halten und sich damit ein fragiles Gleichgewicht geschaffen.Im Schwimmbad trifft sie auf Boris. Auch über ihm wurde kein Füllhorn ausgeschüttet. Seine Mutter ließ ihn nicht impfen, er erkrankte schwer an Kinderlähmung. In der sozial schwachen Gegend, in der beide leben, hat er die ganze Bandbreite an Quälereien erlebt, die Menschen mit körperlichen Einschränkungen nur allzu gut kennen.Nun treffen diese beiden aufeinander und versuchen, ein Paar zu werden. Es wird sich geöffnet und wieder verschlossen, Wahrheit gesagt und gelogen, voneinander gelernt - und vieles falsch gemacht.Büsing mag ihre Figuren und macht sie nie lächerlich. Sie schreibt in einem klaren, harten Stil, der gut zur Gesellschaft passt, in der diese Geschichte verortet ist. Daran musste ich mich zunächst gewöhnen, empfand es dann aber als sehr authentisch.Ein Coming-of-Age-Roman, den auch Erwachsene sehr gut lesen können.4,5 Sterne und eine klare Leseempfehlung von mir.