Sprachlich stark, klug und beinahe spannend wie ein Thriller, nur bei den Figuren hätte ich mir mehr Entwicklung gewünscht.
In letzter Zeit habe ich einige Bücher gelesen, die sich mit Israel, Palästina und den damit verbundenen gesellschaftlichen und politischen Spannungen beschäftigen. Ich finde es unglaublich spannend, auf diesem Weg tiefer in die Geschichte einzutauchen und besser zu verstehen, wie tief Vorurteile, Ängste und gegenseitige Ablehnung in Menschen verwurzelt sein können. Umso mehr berühren mich dabei immer wieder die Momente, in denen die vermeintliche "Gegenseite" plötzlich nicht mehr als solche erscheint, sondern einfach als Mensch mit ganz alltäglichen Sorgen, Wünschen und Bedürfnissen.Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich auch Ayelet Gundar-Goshens "Ungebetene Gäste". Im Mittelpunkt stehen Naomi, ihr Mann Juval und ihr kleiner Sohn Uri. Als ein arabischer Arbeiter etwas an ihrem Balkon repariert, fühlt Naomi sich in seiner Gegenwart unwohl - ihre Vorurteile und ihr Misstrauen sitzen tief. Während der Arbeiter kurz auf der Toilette ist, stößt Uri unbeobachtet einen Hammer vom Balkon, der einen Passanten auf der Straße tödlich trifft.Was danach passiert, fand ich gleichermaßen erschreckend und faszinierend: Statt sofort die Wahrheit zu sagen, lässt Naomi zunächst zu, dass der Arbeiter unter Terrorverdacht gerät und verhaftet wird. Zwar gesteht sie später, was tatsächlich geschehen ist, doch damit lässt sich längst nicht mehr alles rückgängig machen. Die Folgen ihrer Entscheidung ziehen immer weitere Kreise und begleiten die Familie schließlich sogar bis nach Lagos in Nigeria, wohin sie später zieht.Ich fand den Roman sowohl inhaltlich als auch sprachlich richtig stark. Die Geschichte lässt sich hervorragend lesen und entwickelt trotz ihres eher gesellschaftlichen und psychologischen Fokus beinahe die Spannung eines Thrillers. Vor allem die Frage, welche Konsequenzen eine einzige falsche Entscheidung nach sich ziehen kann.Mit den Figuren selbst hatte ich allerdings meine Schwierigkeiten. Insbesondere Naomi fand ich über weite Strecken extrem unsympathisch, Juval beinahe genauso. Dass Figuren unangenehm und widersprüchlich sein dürfen, passt natürlich hervorragend zu dieser Geschichte. Trotzdem hätte ich mir angesichts dessen, was ihnen widerfährt und womit sie konfrontiert werden, mehr Entwicklung gewünscht. Gerade bei Naomi hatte ich gehofft, dass sich ihr Blick auf andere Menschen stärker verändert.Das schmälert meinen positiven Gesamteindruck aber nur wenig. "Ungebetene Gäste" ist für mich ein kluger Roman über Vorurteile, Schuld und die weitreichenden Folgen unserer Entscheidungen und darüber, wie schwer es sein kann, tief verwurzelte Denkmuster tatsächlich zu überwinden.