Schandfleck

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"Sie erhob sich und blieb zögernd in der offenen Bustür stehen. Vor über zwanzig Jahren war sie genau an dieser Stelle in den Bus gestiegen, um ihr Heimatdorf für immer zu verlassen."
Christine kehrt zurück in die trügerische Idylle der Provinz. Ihre … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Schandfleck
Autor/en: Blanka Stipetic

EAN: 9783944359007
Format:  EPUB ohne DRM
Schruf & Stipetic

20. Dezember 2013 - epub eBook - 320 Seiten

Beschreibung

"Sie erhob sich und blieb zögernd in der offenen Bustür stehen. Vor über zwanzig Jahren war sie genau an dieser Stelle in den Bus gestiegen, um ihr Heimatdorf für immer zu verlassen."
Christine kehrt zurück in die trügerische Idylle der Provinz. Ihre Nichte Maria wurde vergewaltigt und ermordet. Christine glaubt, den Täter zu kennen, und beschuldigt öffentlich ihren Jugendfreund Karl. Hat sie recht oder will sie späte Rache für Ereignisse aus der Vergangenheit? Als ihre stärkste Widersacherin entpuppt sich Karls Frau Theresa, die von der Unschuld ihres Mannes überzeugt ist. Der Kampf um die Wahrheit beginnt. Und von den Dorfbewohnern sind einige bereit, einen hohen Preis dafür zahlen, dass alte Geheimnisse im Dunkeln bleiben.
"Schandfleck" seziert die vordergründige Idylle eines Provinznests, in dem die Alteingesessenen mit allen Mitteln ihre Privilegien verteidigen. Unter dem Pseudonym Mila Wolf ist der Roman 2010 im Druck bei Rowohlt erschienen.

Portrait

Blanka Stipetic ist 1967 geboren und ist Literaturübersetzerin, Autorin und Verlegerin.

Leseprobe

E I N S


Sonntag, 03. Mai

Christine Yves verließ das Flugzeug mit dem Gefühl, einen großen Fehler begangen zu haben. Während des achtstündigen Fluges von Vancouver nach Frankfurt hatte sie viel Zeit gehabt, ihre Entscheidung zu bereuen. Dennoch stieg sie in Frankfurt in den Zug und setzte ihre Reise fort. Mit jedem Kilometer, den sie sich ihrem Ziel näherte, wurde der Druck in ihrem Kopf größer, das Gefühl von Enge und Bedrücktheit stärker. Bei jedem Umsteigen wurden die Städte kleiner, bis sie schließlich in einem Bus saß, der in Ortschaften hielt, die gerade mal vier oder fünf Straßen hatten. Sie starrte reglos auf die vorbeiziehende Landschaft. Endlos scheinende Reihen von Rebstöcken bedeckten die Hügel und bildeten jetzt im Mai einen zartgrünen Trichter, der sich zum Fluss hinunter verengte. Daneben immer wieder weite Rapsfelder, die in der Sonne grellgelb leuchteten. Sie hasste den Geruch von Raps, der inzwischen den ganzen Bus erfüllte. Sie versuchte nur durch den Mund zu atmen und das Zittern ihrer Hände zu beruhigen.
Alle paar Kilometer verlangsamte der Bus seine Fahrt und entließ einige der wenigen Fahrgäste in die sonntägliche Idylle malerischer Fachwerkdörfer. Schon aus der Ferne erkannte sie den Kirchturm von Reubach, und bald darauf hielt der Bus auch schon am Marktplatz, genau gegenüber der Kirche. Sie erhob sich und blieb zögernd in der offenen Bustür stehen. Vor über zwanzig Jahren war sie genau an dieser Stelle in den Bus gestiegen, um ihr Heimatdorf für immer zu verlassen. Zumindest hatte sie das damals geglaubt. Ein Schritt und ich bin wieder die kleine Christine Novak, dachte sie. Als hätte es die letzten zwanzig Jahre nie gegeben. Der Busfahrer räusperte sich.
Sorry, murmelte sie und trat hinaus, stellte ihren Koffer ab und blickte sich um. Alles schien wie damals, nur dass inzwischen die Häuserfassaden frisch gestrichen schienen. Am Wartehäuschen hingen Plakate, die ein Weinfest ankündigten. Auch das war neu,
ein Weinfest. Christine konnte sich gut vorstellen, dass die Menschen aus der Stadt in Scharen hierher kamen, um einige gemütliche Stunden in dieser bezaubernden Idylle zu verbringen. Nur mit Anstrengung konnte sie in der Ferne das leise Rauschen der Autobahn hören. Der Marktplatz lag vollkommen menschenleer in der Sonne, und erst als die Geräusche des davon fahrenden Busses verklungen waren, hörte sie aus der Kirche gedämpften Gesang. Sie blickte zur Kirchturmuhr hoch. Nur noch wenige Minuten, bis die Türen sich öffnen und das ganze Dorf ihr entgegen strömen würde. Hastig zog sie den Griff ihres Rollkoffers heraus und überquerte den Marktplatz. Sie hatte es fast geschafft, als sich tatsächlich die Kirchentüren öffneten. Christine beschleunigte den Schritt. Kurz bevor sie um die Ecke bog, schaute sie über die Schulter und erhaschte einige neugierige Blicke, die ihr folgten.
Die ganzen langen Jahre in Vancouver war Reubach für sie nichts weiter als ein lebloses Bild gewesen. Sie hatte dieses Bild manchmal aus dem Unbewussten an die Oberfläche dringen lassen und es betrachtet, doch nie lange genug, um es erneut zum Leben zu erwecken. Sie versuchte, an ihr Zuhause zu denken, an ihre Wohnung in Vancouver, im achten Stock eines Hochhauses. Wenn sie nachts aus ihrem Fenster schaute, blickte sie direkt in die Wohnzimmer ihrer Nachbarn im Block gegenüber eine riesigen Wand voller flackernder Bildschirme. Doch keiner schien sich darum zu kümmern, und Christine hatte lange gebraucht, um zu verstehen, dass keiner sich für sie und ihr Leben interessierte. Hier in Reubach waren vor jedem Fenster sorgfältig die Gardinen zugezogen, und trotzdem konnte niemand sein Haus verlassen oder die Straße entlang gehen, ohne von verborgenen Augen beobachtet zu werden.
Christines ließ ihren Blick über die freundlich gestrichenen Fassaden und das leuchtende Grün und Rot der Blumen in den Balkonkästen streifen. Schön ist es hier, dachte sie, aber in ihrem Innern gab es nur Taubheit und
Betäubung. Ihre letzte Erinnerung an diesen Ort war die einer Sechzehnjährigen. Es roch anders, nicht mehr nach Ställen, Kuhmist und Landwirtschaft, es roch nach Sauberkeit und Wohlstand. Selbst vor den Gestank hatten sie eine Gardine gezogen.
In nur vierundzwanzig Stunden hatte sie eine Strecke zurückgelegt, die bei Weitem länger war als die vielen Tausend Kilometer quer über den nordamerikanischen Kontinent und den atlantischen Ozean. Über zwanzig Jahre hatte sie sich geweigert, diese Reise noch einmal auf sich zu nehmen. Nichts hatte sie dazu bewegen können, nicht einmal der Tod ihrer Schwester vor zehn Jahren. Aber die Nachricht vom Tod ihrer Nichte Maria hatte sie an sich selbst erinnert, an die Christine Novak, die sie einmal gewesen war. Doch sie selbst hatte Glück gehabt, sie war gegangen. Maria Novak würde nirgendwo mehr hingehen. Zwar hatten alle behauptet, sie sei von zuhause abgehauen. Wie damals die Christine, hatte es wahrscheinlich hinter vorgehaltener Hand geheißen. Niemand hatte Maria ernsthaft gesucht, nicht einmal ihre Großeltern. Die Maria wird schon wieder auftauchen, hatte ihr Mutter am Telefon gesagt. Und das war sie dann auch, vier Monate später, tot im See. Christines Mutter hatte von Ertrinken gesprochen. Aber auch sie konnte kein beschönigendes Wort für Mord finden. Christine hatte nicht lange gezögert und ihren Koffer gepackt, getrieben von Schuldgefühlen, weil sie sich nie um ihre Nichte gekümmert hatte. Sie konnte es nicht wieder gut machen. Aber sie hatte sich geschworen, dass ihr Tod gesühnt werden würde. Sie war nicht mehr die kleine Christine. Sie hatte keine Angst mehr vor den Männern in Reubach.

Theresa Bernbach wartete am Küchenfenster und schaute immer wieder hinaus, in der Hoffnung, endlich den Wagen ihres Mannes auf den Hof fahren zu sehen. Er hatte sich vor einer halben Stunde von der Autobahn aus gemeldet, langsam müsste er kommen. Sie freute sich auf ihn, hatte ihn richtig vermisst, obwohl Karl nur fünf Tage lan
g fort gewesen war. Und ein bisschen beleidigt war sie auch gewesen, dass er sie nicht mitgenommen hatte auf den Besuch ihrer französischen Partner an der Loire. Aber es stimmte ja, jemand musste daheim die Stellung halten. Und ihre Tochter ließ sie noch immer nicht gern allein, obwohl sie schon fünfzehn war.
Aber Karl hin oder her, länger konnte sie jetzt wirklich nicht mehr warten. Ihre Schwiegereltern schauten vermutlich bereits ungeduldig auf die Uhr und fragten sich, wo sie blieb. Sie wollte auf keinen Fall zu spät zum Essen kommen.
Theresa ging in die Diele und blieb an der Treppe zum oberen Stockwerk stehen. Ich gehe jetzt. Wenn Papa kommt, sag ihm, er soll schnell nachkommen, rief sie zu Luisa hinauf. Dann nahm sie eine leichte Sommerjacke und ihre Handtasche und verließ das Haus gerade als die Kirchenglocken zu läuten anfingen.
Vom Weingut der Bernbachs waren es vielleicht hundert Meter bis zum Marktplatz. Dahinter, am anderen Ende des Dorfes, wohnten ihre Schwiegereltern. Sie entschied sich, nicht die Hauptstraße zu nehmen, sondern durch die kleinen Gässchen zu laufen, um nicht alle paar Meter Bekannte und Nachbarn begrüßen zu müssen, die auf dem Heimweg von der Kirche waren. Als sie sich dem Marktplatz näherte, kam ihr eine Frau entgegen, und Theresa stellte erleichtert fest, dass es sich um eine Touristin handelte. Die Frau ging mit nach unten gerichtetem Blick und zog einen Koffer hinter sich her. Als sie auf gleicher Höhe waren, grüßte Theresa freundlich. Die Frau hob den Kopf und nickte mechanisch. Theresa blickte in ein blasses, müde wirkendes Gesicht.
Im Haus ihrer Schwiegereltern war schon die ganze Familie Bernbach versammelt. Hubert, Theresas Schwiegervater, schenkte Wein ein, während seine Frau die Suppe aus dem Topf in eine Terrine schöpfte. Warum ist Luisa nicht mitgekommen?, fragte sie zur Begrüßung.
Schulaufgaben, sagte Theresa schnell. Was nicht ganz stimmte. Sie hatte erfolglos versucht, sie zum Mitkommen zu überreden.
Luisa hatte sich in den letzten Monaten stark zurückgezogen und verbrachte viel Zeit alleine in ihrem Zimmer. Theresa schrieb es der Pubertät zu.
Wir könnten noch eine Viertelstunde warten, schlug sie vor. Karl müsste schon längst hier sein.
Papperlapapp, jetzt wird gegessen, bestimmte Hubert mit lauter Stimme und nahm am Kopfende des Tisches Platz. Man sah ihm seine fast achtzig Jahre kaum an. Die lebenslange körperliche Arbeit schien ihn nicht ausgezehrt, sondern geschmeidig gemacht zu haben. Er hatte einen mächtigen Brustkorb, volles Haar, und aus seinem wettergegerbten Gesicht blickten durchdringende, kühle Augen. Anders war es bei seiner Frau. Elisabeth. Sie war nur einige Zentimeter kleiner als er, dafür aber so hager, dass es schien, als wollten ihre Knochen die Haut durchbrechen. Sie wirkte immer ein wenig unsicher und geduckt. Wenn sie etwas sagte, ging ihr Blick automatisch zu Hubert, als wollte sie die Richtigkeit ihrer Worte in seinem Blick überprüfen.
Er ist bestimmt nur noch kurz Tanken gefahren, versuchte es Theresa erneut.
Der Junge hat schon immer gern getrödelt. Und ich habe keine Lust, die Suppe kalt werden zu lassen. Hubert trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch und sah die...


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