
Gibt es das Zuviel an Wachstum nur an bestimmten Orten?
Um das Jahr 1800 lebten etwa eine Milliarde Menschen auf der Erde. Heute sind es mehr als acht Milliarden. Begleitet wurde dieses Wachstum immer wieder von Mahnungen, die letztlich auf den Ökonomen Thomas Malthus zurückgehen: Zu viele Menschen bedeuten Hunger, ökologische und gesellschaftliche Krisen.
Dana Schmalz zeigt, wie mit dem »Bevölkerungsargument« Politik gemacht wird: Ein Zuviel an Wachstum gibt es immer nur anderswo, im globalen Süden oder in marginalisierten Milieus. Regierungen nutzen das Argument, um reproduktive Rechte einzuschränken; rassistische Vorstellungen leiten nach wie vor die Entwicklungspolitik. Und neuerdings verweisen antifeministische Gruppierungen auf Geburtenraten, um ihre Verschwörungsideologien diskursfähig zu machen.
Besprechung vom 02.05.2025
Malthus' Spuk
Dana Schmalz sieht sich in der Geschichte bevölkerungspolitischer Debatten um.
Now we have finally done with Malthus", schreibt Karl Marx nach einigen Hundert Seiten unermüdlicher ökonomischer Kritik in seinen "Grundrissen". Keine fünf Seiten später taucht der Name wieder auf. Nun nimmt sich die Heidelberger Völker- und Migrationsrechtlerin Dana Schmalz in ihrem Buch des Befundes an, dass Thomas Malthus (1766 bis 1834) nicht totzukriegen ist. Seine Annahmen geistern bis heute durch die bevölkerungspolitischen Debatten. Dieses Wiedergängertum schlägt sich im titelgebenden "Bevölkerungsargument" nieder, das soziale Probleme auf vermeintlich übermäßiges Bevölkerungswachstum zurückführt.
Schmalz interessiert somit, wie das Faktum einer zunehmenden Weltbevölkerung in unterschiedlichsten Kontexten normativ angespitzt wurde und wird. Dabei lässt sie keine Wertungen vermissen. Analyse und Standpunkt ergeben erst das Projekt: darlegen, welche falschen Antworten gefunden wurden, um die richtigen zu geben.
Im historischen Rückblick identifiziert die Autorin zunächst Bevölkerungszahlen als "Angelpunkt der Moderne". Es ist von Malthus und dessen Rezeption durch Marx zu lesen. Malthus behauptete, die Bevölkerung wachse geometrisch, während deren Unterhaltsmittel nur arithmetisch zunehmen könnten, sodass Armut ein gewissermaßen zoologisches Naturgesetz darstelle. Für Marx dagegen war schon die Vermehrung der Menschheit kein Naturprozess, erst recht nicht deren Verarmung.
Nimmt man den systematischen Zusammenhang von Demographie und Demokratie hinzu, zeigt sich, dass das Bild des Angelpunkts nicht zu hoch gegriffen ist. Die Autorin streicht vielmehr heraus, wie hier zwei verschiedene Weltverhältnisse aufeinandertreffen. Einerseits der sozialstrukturelle Naturalismus von Malthus, andererseits Marx' Moderne, die vor allem Gemachtheit und Machbarkeit des Sozialen bedeutete. Diese Frontstellung durchzieht die Untersuchung. Dem Format geschuldet, geraten die weiteren historischen Schlaglichter jedoch etwas kursorisch. Die Bevölkerungsdiskurse in Industrialisierung, Kolonialismus, Eugenik und Nationalsozialismus stehen so eher im begrifflichen Blitzlicht.
Zur Höchstform läuft die Juristin auf, wenn sie den Spiegelungen des "Bevölkerungsarguments" in der Trias von Institutionen, Resolutionen und Rechten nachspürt. Zum einen sei der Weltbevölkerungsgipfel von 1974 in Bukarest genannt, insofern Schmalz an ihm die "widerstreitenden Logiken" von demographischer Sozialtechnik und subjektiven Menschenrechten destilliert und eine jedenfalls teilweise Wende hin zu Letzteren identifiziert. Zum anderen ist da die unrühmliche Rolle der westlichen Entwicklungshilfe, die oft Sterilisationsprogramme im globalen Süden in der Überzeugung finanzierte, die Senkung der Geburtenrate werde die komplexen sozioökonomischen Problemlagen und Abhängigkeiten schon irgendwie lösen.
In den späten Sechzigerjahren hatte diese eindimensionale Sicht und die dazugehörige Angst vor der "Überbevölkerung" insbesondere der Biologe Paul Ehrlich propagiert, dessen horrorhafte Einleitungsszene im Buch "Die Bevölkerungsbombe" die Autorin zu Recht als irreführend kritisiert.
Wie Schmalz über das gesamte Buch hinweg plausibel macht, ist die Blickverengung auf Bevölkerungskontrolle eine politische Ersatzhandlung für die ernsthafte Infragestellung der globalen Wirtschaftsordnung. Der (Neo-)Malthusianismus war immer schon eine vor allem strategische Option des Bestehenden für sich selbst.
Plötzlich ein Sprung, in eine Rede von Angela Merkel, ins Jahr 2016. Die Migrationsrechtlerin fokussiert die Verknüpfung von Bevölkerungswachstum und Migrationsprognose als weitere "Schattenseite", insoweit dadurch eine rigorose Migrationspolitik gerechtfertigt wird. Im Einzelnen verweist Schmalz auf das Missverhältnis, das zwischen dem Schreckbild "überfüllter Boote" und etwa den minütlichen Flugzeuglandungen besteht, die ebenso ausländische Menschen nach Deutschland transportieren. Die rassistischen Prämissen der demographisch verbrämten Migrationspanik verdichtet sie wie folgt: "Zu viel sind immer ,die anderen'."
Unter dem Zeichen reproduktiver Freiheit wird das Bevölkerungsargument im Feminismus äußerst robust verhandelt. Schieflage inklusive: Unversehens fanden sich Feministinnen mit Eugenikerinnen im selben Boot. Müßig scheint hier die Frage nach den Motiven. Emanzipatorische Dissonanzen wie diese, auch dem amerikanischen Abolitionismus bekannt, sorgen für fruchtbare Aufstörungen.
Dass Emissionswerte mit Bevölkerungszahlen weit weniger korrelieren als mit dem Wohlstandsniveau, dürfte kaum einen Leser überraschen. Die Forderung nach "Verbrauchsgerechtigkeit" statt "neuer Bevölkerungspolitik" ist, wie die Autorin selbst schreibt, bereits Bestandteil des Pariser Klimaabkommens - und wer "reproduktive Freiheit", Menschenwürde und "gemeinsame politische Gestaltung mit gleicher Teilhabe" nicht ohnehin ablehnt, wird sich auch dem abschließenden Appell gern anschließen.
So bleibt ein in der ersten Hälfte ideengeschichtlich und wirtschaftshistorisch instruktiver, im weiteren Verlauf normativ orientierender Debattenbeitrag. Im Ganzen zu bedauern wäre allenfalls, dass die essayistische Form dem vielschichtigen Gegenstand mitunter nicht ganz gerecht wird. Ungeachtet dessen setzt Dana Schmalz einen notwendigen und lesenswerten Kontrapunkt gegen die Gewalt eines "Demographismus", der noch jede gesellschaftliche Tragödie in eine Bevölkerungsstatistik zu zwängen weiß. VICTOR LOXEN
Dana Schmalz: "Das
Bevölkerungsargument". Wie die Sorge vor zu vielen Menschen
Politik beeinflusst.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
183 S., br.
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