
Besprechung vom 06.02.2026
Neustadt fürs Landei
Daniel Wissers Roman "Smart City"
Dass auch an dieser schönen neuen Welt etwas faul ist - so wie wohl an jeder, die uns die Literatur nicht erst seit Huxley hinterhältig vorführt -, merkt man schon zu Beginn von Daniel Wissers Roman "Smart City". Zur Sicherheit steht es auch im Klappentext. Aber erst am Ende wird so richtig deutlich, was mit der "sichersten, saubersten und nachhaltigsten Stadt der Welt" nicht stimmt. Sie ist nämlich nicht nur ein Auffangbecken für skrupellose Politiker und Gewalttäter in Security-Uniformen, sondern auch für durchgeknallte Landeier, die normalerweise mit Gewehren auf Verkehrsschilder schießen, sich in Bunkern verschanzen und den Staat hassen, dem sie alles zu verdanken haben. Wenn man diese Landeier allerdings in Smart Citys sperre, könne man sie besser kontrollieren: "Man kann sie vom Schweinfleischkonsum abhalten und ihnen Heuschrecken vorsetzen. Hier tragen sie Schuhe aus veganem Leder, halten sich für Umweltschützer und fühlen sich dem Rest der Welt überlegen."
Die smarte Stadt dieser Zukunftsfiktion heißt NEUDA, hat Berührungspunkte mit Wien und ein journalistisches Zentralorgan namens "Timeline". Das berichtet über Lifestyle-Themen und blendet alles Elend aus. Ein Kanzler namens Rindfleisch wird gefördert von einem Milliardär namens Gödöllö. Die Hauptfigur ist eine Journalistin namens Morag Oliphant, deren Familie ermordet wurde. Zum Thriller wird das Buch dadurch aber nicht; eher ist es eine Satire.
Erzählt ist das alles etwas hölzern, sodass auch die Frage nach der Parodie sich stellt - allerdings Parodie wovon und mit welchem Ziel? Während man darüber nachsinnt, liest man allerdings viele Stellen, die einfach für sich erheiternd wirken, etwa über eine Wunderheilerin, die in einer Sportarena in Niederösterreich "im Akkord" Krampfadern, Bluthochdruck und Schwerhörigkeit heilt - und nebenbei erkennt, dass im Kanzler Rindfleisch nichts Übles stecke. Das Übel ist natürlich trotzdem da, auch wenn es aus NEUDA so wie aus den real existierenden Luxusenklaven und Gated Communities dieser Welt ausgesperrt werden soll. Man muss kein Österreicher sein, um solcherlei Bezüge des Romans zur Wirklichkeit zu verstehen. An seinem Ende stehen einige entlarvende Sätze über die Schrecklichkeit der neuen Stadt, die ein bisschen an das Ende des alten Science-Fiction-Films "Soylent Green" erinnern. Aber dieser Entlarvung hätte es gar nicht mehr bedurft. JAN WIELE
Daniel Wisser:
"Smart City". Roman.
Luchterhand
Literaturverlag,
München 2025.
412 S., geb.
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