Wieder ein wunderbares Buch!
Nach " Altes Land" und " Mittagsstunde" führt uns der dritte Roman von Dörte Hansen noch weiter in den Norden, auf eine namentlich nicht benannte Nordseeinsel, " irgendwo in Jütland, Friesland oder Zeeland". Sie erzählt darin von den Menschen, die dort heimisch sind und von denen, die nur zu Besuch kommen.Im Mittelpunkt steht die Familie Sander, die seit 300 Jahren auf der Insel lebt. Sie wohnt im schönsten Haus mit reetgedecktem Dach, Sprossenfenster und einem ein Zaun aus Walknochen. Die männlichen Vorfahren waren Grönlandfahrer und Walfänger, die Frauen blieben daheim, bekamen Kinder und zogen sie groß, versorgten das Heim, bepflanzten den Garten und sie warteten. Warteten auf die Heimkehr ihrer Männer und Söhne, betrauerten die Toten, die das Meer behielt.Hanne und Jens führten die Tradition fort, doch die Zeiten sind andere. Was früher selbstverständlich war und hingenommen wurde, entspricht nicht mehr dem heutigen Lebensstil. " Sie hätten anders leben können, er und Hanne. Stattdessen haben sie das Leben ihrer Eltern fortgesetzt, Seefahrer und Seemannsfrau gespielt, die Wut für eine alte Wut gehalten und die Verletzungen für unvermeidlich. Ein Erbe angetreten, das man hätte auch ausschlagen können."Jens fuhr zur See und Hanne hegte einen Groll, weil sie alles allein machen musste. Zwei Kinder kamen, später noch ein drittes, das die Ehe retten sollte. Das ging natürlich schief. Hanne holte sich den Sommer über Badegäste ins Haus, für den Mann war kein Platz mehr. Da zog Jens ins Vogelschutzgebiet, weg von den Menschen. Bald zwanzig Jahre lebt er dort wie ein Eremit.Ryckmer, der älteste Sohn, führt zunächst die Familientradition weiter. Er arbeitet als Kapitän auf einem Hochseefrachter, bis ihn eines Tages angesichts einer Riesenwelle die Angst gepackt hat. Nun "spielt" er den Kapitän auf der Fähre, die die Touristen vom Festland auf die Insel bringt und wohnt wieder bei seiner Mutter, die ihm das Bier rationiert. Denn Ryckmer säuft seit jenem Erlebnis.Eske hat einmal einen Versuch unternommen, der Insel und der Familie zu entkommen, doch das Heimweh trieb sie zurück. Nun arbeitet sie als Altenpflegerin hier, führt Gespräche mit den alten Leuten, zeichnet diese auf, um deren Geschichte und deren Sprache vor dem Vergessen zu bewahren. Sie hegt einen Groll auf alle Touristen, seit ihrer Kindheit, als sie ihr Zimmer für die " Gäste" räumen musste und ihre Mutter keine Zeit mehr für die Kinder hatte. Wenn sie mit dem Auto über die Insel fährt, tut jeder Tourist gut daran, ihr Platz zu machen. Ab und zu besucht sie ihre Festlandbeziehung Freya und lässt sich von ihr ein neues Tattoo stechen.Einzig Henrik, der Jüngste, der schon als Kind etwas sonderlich war, scheint seinen Frieden gefunden zu haben. Er sammelt Strandgut und baut daraus skurrile Figuren. Seine Familie weiß mit ihnen wenig anzufangen, aber in der Kunstszene hat er sich damit einen Namen gemacht.Neben der Familie Sander gibt es eine weitere Figur, die Dörte Hansen genauer betrachtet. Es ist der Inselpfarrer, der zum einen zuständig ist für die Ortsansässigen, die einfach wollen, " dass er vernünftig seine Arbeit macht: taufen, konfirmieren, trauen, die Geburtstage der Alten nicht vergessen und auf keinen Fall die Kaffeetafel schwänzen, wenn er sie beerdigt hat" und für die Touristen, " die seine Seelensnacks und Impresario-Talente" schätzen. Doch nachdem seine Frau nach über dreißig Ehejahren eine Wochenendehe führen möchte und ansonsten auf dem Festland lebt, beginnt sein Glaubensfundament zu wackeln. Er hat kein Netz mehr. " Abgeschnitten, keinerlei Verbindung mehr zu seinem Gott und keine Nachrichten....Er betet in ein Funkloch, predigt, singt und segnet ohne Resonanz".Dörte Hansen versteht es meisterhaft, mit wenigen Szenen Menschen lebendig werden zu lassen. Obwohl es kaum Dialoge gibt im Roman. Das passt aber sehr gut zu diesem wortkargen Menschenschlag im Norden. Man beredet keine Konflikte, man macht einfach weiter. Kämpfe werden im Inneren ausgetragen. Der Leser muss sich selbst seinen Reim darauf machen.Auch in diesem Roman, wie schon in " Altes Land" betrachtet Dörte Hansen die Besucher von außerhalb mit spöttischem Blick. Sie weiß um die Inselsehnsucht, die viele Menschen umtreibt. " Alle Inseln ziehen Menschen an, die Wunden haben, Ausschläge auf Haut und Seele. Die nicht mehr richtig atmen können oder nicht mehr glauben, die verlassen wurden oder jemanden verlassen haben. Und die See soll es dann richten, und der Wind soll pusten, bis es nicht mehr wehtut." so heißt es an einer Stelle. Und dann beschließen sie in ihrem anfänglichen Überschwang, sich hier niederzulassen. " Ein Haus am Meer gekauft. Das Luftschloss festgemacht mit Backstein, Rosenhecke und Alarmanlage. Und dann ernüchtert festgestellt, dass es nicht schwebt."Aber auch die Einheimischen tragen zum Ausverkauf der Insel bei. Verkaufen sich und ihren Grund und Boden für ein besseres Leben. Statt frühmorgens rauszufahren und zu fischen, werden gekaufte Krabben an gutgläubige Touristen teuer verhökert , in Ringel- T- Shirts und Seemannsmütze, versteht sich. Dazu singt der Shanty- Chor.Doch Dörte Hansen verurteilt nicht. Wer möchte noch das harte Leben aus früheren Zeiten? Wie in " Mittagsstunde" hat auch auf der Insel ein unumkehrbarer Strukturwandel stattgefunden. Und der Klimawandel wird letztendlich zum völligen Verschwinden der Insel führen.Ein spektakulärer Höhepunkt im Roman ist der Tag, an dem ein Wal auf der Insel strandet und dort verendet. Es zeigt sich, wie hilflos die Nachfahren ehemaliger Walfänger in dieser Situation sind. Hilfe von Fachleuten von außen wird gebraucht. Der Wal als Symbol, als rätselhaftes Wesen, das aus der Tiefe kommt, tot, weil er sein Element verlassen hat. In seinem Innern finden sich Plastikteile und Fischernetze, Zeichen dafür, wie der Mensch mit der Natur umgeht.Es ist ein realistisches Bild, das Dörte Hansen von der Insel und den Menschen darauf zeichnet . Alle haben ihre Päckchen zu tragen und am Ende wird nicht alles gut. Doch man macht weiter.Es gibt keine Verklärung der Vergangenheit, keine rührselige Nostalgie. Der Alltag damals war ungleich härter als heute, doch in der Gegenwart gibt es andere Probleme, die gemeistert werden müssen. Die See, als eigentliche Hauptfigur, bleibt das, was sie immer war.Aber Dörte Hansen schreibt darüber so warmherzig, verständnisvoll, dann wieder mit Humor, dass die Lektüre eine einzige Freude ist. Das liegt am typischen Sound der Autorin, lakonisch, leicht melancholisch, knapp und verdichtet.Ich habe die beiden vorigen Bücher geliebt und " Zur See" liebe ich auch. Wenn ich sechs Sterne vergeben dürfte, würde ich es tun.