4,5 ¿
Diese beiden Fragen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch.Auf den ersten Blick wirkt Tabu wie ein klassischer Kriminalroman. Schnell wird klar, dass es sich vielmehr um einen psychologischen und gesellschaftskritischen Roman handelt. Um das Buch richtig zu verstehen, muss man das Geschriebene genau lesen und deuten. Schirach beschäftigt sich mit der Frage, was ein Verbrechen eigentlich ist, welche gesellschaftlichen Ursachen dahinterstehen und ob die Methoden der Ermittler moralisch und rechtlich gerechtfertigt sind.Zu Beginn steht die Kindheit von Sebastian von Eschburg im Mittelpunkt. Es wird geschildert, unter welchen Umständen er aufwächst und wie ihn diese frühen Jahre prägen. Erst im weiteren Verlauf nimmt die Handlung deutlich Tempo an. Sebastian ist erwachsen, Künstler und verliert zunehmend den Bezug zur Wahrheit, bis es schließlich zu einem Verbrechen kommt...Besonders interessant ist der zweite Teil des Buches: Die Kapitel sind den Farben Grün, Rot, Blau und Weiß zugeordnet. Der Aufbau hängt mit einer Besonderheit zusammen: Sebastian ist Synästhetiker. Er nimmt Menschen, Gegenstände und Situationen in bestimmten Farben wahr, was dem Roman eine zusätzliche, ungewöhnliche Ebene verleiht.Die gesamte Umsetzung des Buches ist sehr durchdacht. Auf nur 259 Seiten geschieht erstaunlich viel, ohne dass die Handlung verwirrt. Schirachs kurze, klare und präzise Sätze machen das Buch sehr gut verständlich und sorgen dafür, dass man den Geschehnissen immer folgen kann.Tabu ist kein leichter Krimi für zwischendurch, sondern ein Roman, der zum Nachdenken anregt und im Gedächtnis bleibt. Wer für psychologische Tiefe, moralische Fragen und gesellschaftliche Kritik brennt, wird an diesem Buch großen Gefallen finden.