
Besprechung vom 13.01.2026
Eiserne Lady ohne Vermächtnis
Kaum eine Politikerin polarisierte stärker als Margret Thatcher. Eine neue Biographie fragt, was von ihrer Regierungszeit übrig geblieben ist.
Als Margaret Thatcher am 8. April 2013 starb, feierten Menschen in Großbritannien ihren Tod. In den ehemaligen Kohlerevieren, auch in London, stießen sie mit Sekt an und tanzten auf den Straßen. "Die Hexe ist tot", hieß es. Und auch wenn das keine Massenbewegung war, so sind derartige Emotionen angesichts des Ablebens einer Politikerin, die zu diesem Zeitpunkt seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr an der Macht war, ungewöhnlich. Ungewöhnlich, aber nicht überraschend.
Wohl kaum eine Politikerin im Nachkriegseuropa hat derart polarisiert wie Margaret Thatcher. Für die einen hat sie den britischen Sozialstaat auf dem Gewissen und die Wirtschaft zugrunde gerichtet. Für die anderen hat sie Großbritannien vor dem Niedergang gerettet. Die einen verehren sie bis heute, die anderen hassen sie mit Inbrunst. Doch wer war sie? Ist es angemessen, sie als "Eiserne Lady" zu bezeichnen, als Vorkämpferin des Neoliberalismus oder als Begründerin einer eigenen politischen Richtung - des Thatcherismus?
Diese Fragen stellt sich - pünktlich zu Thatchers hundertstem Geburtstag - der Historiker Franz-Josef Brüggemeier in seiner jüngst erschienenen Biographie "Margaret Thatcher. Die Eiserne Lady". Brüggemeier beschreibt, wie die Tochter eines Einzelhändlers zur mächtigsten Politikerin des Königreiches wurde - in einer Zeit, in der Politik vor allem Männersache war - und wie einzigartig ihre Karriere war: Thatcher war die erste Frau, die die britischen Konservativen führte. Sie war die erste Premierministerin ihres Landes, gewann drei Wahlen und regierte fast zwölf Jahre lang. Brüggemeier skizziert Thatcher als eine zielstrebige und ehrgeizige Frau, die ihr großes Ziel erreichte und am Ende über sich selbst stürzte. Thatcher lebte für die Politik, und als sie zurücktreten musste, war das für sie eine persönliche Katastrophe.
Wie es so weit kommen konnte, zeichnet Brüggemeier in zahlreichen Wegmarken ihrer Amtszeit nach. Er widmet sich der Liberalisierung der Finanzwirtschaft, dem Kampf gegen die Gewerkschaften, der im Bergarbeiterstreik gipfelte, den beginnenden Privatisierungen, dem Falklandkrieg, dem Kalten Krieg und dem Nordirlandkonflikt.
In Letzterem bewies Thatcher, dass sie - die Kompromisse ansonsten ablehnte, ja geradezu verachtete, was auch zu ihrem Ruf als "Eiserne Lady" beitrug - über ihren Schatten springen konnte. Trotz ihrer lange kompromisslosen Haltung unterzeichnete sie das Anglo-Irish Agreement, das den Nordirlandkonflikt politisch befriedete. Brüggemeier zufolge zählt es zu ihren "wohl wichtigsten Leistungen" in der Außenpolitik. "Jenseits aller Rhetorik handelte sie oft sehr pragmatisch und war zu Kompromissen und Verstößen gegen ihre Prinzipien bereit", schreibt er.
Zugleich konstatiert Brüggemeier, dass Thatcher sich mit zunehmenden Erfolgen als "starrköpfig, kaum noch belehrbar und zunehmend isoliert" erwies. Im Falle der "German Question" isolierte sie sich damit nicht nur international, sondern auch in ihrem eigenen Kabinett und in der Bevölkerung, die die Wiedervereinigung mehrheitlich unterstützte. Die Entstehung eines gesamtdeutschen Staates konnte Thatcher trotzdem nicht aufhalten. Im Falklandkrieg dagegen zahlte sich ihre harte Haltung aus.
"Vor Ausbruch des Konflikts befand sich Großbritannien in einer überaus schlechten wirtschaftlichen Lage, ihre Zustimmungswerte lagen am Boden, und sie musste um ihr Amt bangen", schreibt Brüggemeier. "Diese Probleme waren nach dem Krieg verdrängt." Thatcher habe anschließend hohes Ansehen genossen und ihre Stellung in Kabinett, Parlament und Partei gefestigt. Allerdings habe der Sieg auch ihre problematischen Verhaltensweisen verstärkt, schreibt Brüggemeier: "die Überzeugung, recht zu haben, eine geringe Bereitschaft, andere Argumente zu hören, und die Entschlossenheit, sich unbedingt durchzusetzen". Es sollten die Probleme sein, die irgendwann zu ihrem Sturz führten.
Das Buch enthält keine neuen Erkenntnisse über Margaret Thatcher. Brüggemeier stützt sich auf eine Fülle vorhandener Literatur, auf die Bestände der Thatcher Foundation, die alle wichtigen Unterlagen zu ihrem Leben und Wirken besitzt, sowie auf Aussagen Thatchers, die allerdings überwiegend aus einer Zeit stammen, in der sie schon politisch aktiv war. "Selbstzeugnisse, die nicht durch Stilisierungen oder spätere Wahrnehmungen geprägt sind, liegen fast gar nicht vor", schreibt Brüggemeier - und vielleicht ist das der Grund, warum der Privatmensch Thatcher blass bleibt. Emotionen sind lediglich erkennbar, als sie zurücktreten musste - in dieser Zeit brach Thatcher laut Brüggemeier häufig in Tränen aus - und als ihr Sohn während der Rallye Paris-Dakar vermisst wurde. "Bei diesem Ereignis wirkte die 'Eiserne Lady' verletzlich, verhielt sich wie jede andere Mutter und gewann Sympathien. Doch dieses Verhalten zeigte sie nur selten", schreibt Brüggemeier.
Seine Ausführungen sind spannend, auch weil er nebenbei ein Bild von Großbritannien in den Siebzigern und Achtzigern zeichnet - und man erkennen kann, wie viele Probleme von heute damals schon angelegt waren. Der National Health Service galt bereits als reformbedürftig. Die Skepsis gegenüber Festlandeuropa war schon in Thatcher selbst ausgesprochen ausgeprägt, und von der beginnenden Deindustrialisierung hat das Land sich noch immer nicht in Gänze erholt. Um ein paar zu nennen.
Und dennoch kommt Brüggemeier zu dem Schluss: "Thatcher war ein Phänomen der Achtzigerjahre." Sie habe - anders, als sie selbst es wahrscheinlich sehen würde - "kein Vermächtnis für Jahrhunderte, nicht einmal für Jahrzehnte" hinterlassen. Einen Thatcherismus, der ein in sich geschlossenes Konzept oder Programm böte, habe es nicht gegeben. Thatcher tauge nicht als Ideengeberin oder Vorbild, dafür sei ihr Einfluss zu gering gewesen. Aber: Die "übermächtige Dämonin", als die sie bis heute gezeichnet wird, sei sie eben auch nicht gewesen. TATJANA HEID
Franz-Josef Brüggemeier: "Margaret Thatcher". Die Eiserne Lady.
C. H. Beck Verlag, München 2025. 368 S.
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