
Ein kleines Dorf in Bayern, Ende der 1950er Jahre: Ein Kind kommt zur Welt aus einer Verbindung, die hier niemand für möglich gehalten hätte. Die Mutter ist Schlesierin und gehört zu den »Heimatvertriebenen«, die sich ein Jahrzehnt zuvor im Ort niedergelassen haben. Der Vater ist ein Medizinstudent aus Syrien, der ins Dorf kommt, um am Goethe-Institut Deutsch zu lernen. Zum Zeitpunkt des Kennenlernens hatten sie keine gemeinsame Sprache, und ihr gegenseitiges Sprechen blieb ein Leben lang brüchig. So wächst das Kind in einer Atmosphäre des Schweigens auf, sucht nach einem Schlupfwinkel für die eigene Existenz und findet ihn in der Literatur.
Schlupfwinkel beschreibt den Werdegang eines Autors, der zwar zu einer eigenen Sprache findet und damit Erfolge feiert, doch im Leben ein Verlorener bleibt. Es ist gleichzeitig ein Versuch, die Geschichte der Eltern aus der Distanz heraus zu verstehen und den Momenten nachzuspüren, wo sie vielleicht eine Chance gehabt hätten, eine ausgeglichene Familie zu werden. Und schließlich ist es eine Geschichte von Flucht und möglichem Ankommen, die sich in den »Wirtschaftswunderjahren« abgespielt hat, aber bis heute nachhallt.
Besprechung vom 19.12.2025
Der Syrer meiner Mutter
Schweigend: Friedrich Ani erkundet sein Elternhaus
Das ungeheure Gerücht rast wie das sprichwörtliche Lauffeuer durchs Dorf. "Die zweitjüngste Tochter des Oberkellners und der Büffetdame trug heimlich ein Kind aus." Wir sind im Jahr 1958, das Dorf heißt Kochel am See und liegt am Rand der bayerischen Alpen. Das Kind, das in den ersten Januartagen zur Welt kommen wird und aus dem später ein Schriftsteller werden soll, hat sich nun im Alter von 66 Jahren seinen Dämonen gestellt. "Schlupfwinkel" ist die 128 Seiten lange Rekonstruktion Friedrich Anis überschrieben, "Fantasien über eine fremde Heimat".
Aus Kochel machte der buchstabenverliebte Knabe später "Le Chok", denn die Kunde vom unehelichen Kind entpuppt sich spätestens als Schock, als der Erzeuger bekannt wurde: Die Mutter, eine heimatvertriebene Schlesierin, hat sich mit einem "Kameltreiber" eingelassen. Der Vater ist ein syrischer Medizinstudent namens Ali Albert Ani, der in Kochel - ja, das gab es damals - beim Goethe-Institut Deutsch lernt und im eine Zugstunde entfernten München Medizin studiert. Überhaupt hat das Dorf nach dem Zweiten Weltkrieg viel Zulauf bekommen, Sudetendeutsche und Schlesier, "Flüchtlinge", wie sie noch Jahrzehnte später genannt werden.
Die Frage damals wie heute: Wir konnte "das" passieren? War es ein einmaliger Ausrutscher, und wenn ja, warum wurde daraus eine Ehe? Wie haben die beiden sich verständigt, sie hatten keine gemeinsame Sprache, und das Deutsch des zwanzigjährigen Studenten war rudimentär? Nach seiner Zeit als Krankenhausarzt lässt sich Ali Ani in Kochel nieder, wird er ein allseits beliebter Landarzt, seine Frau Renate lässt sich als "Frau Doktor" ansprechen. Dem Wunsch seiner Frau entsprechend tritt er sogar zum Katholizismus über. Warum hat der Vater zeitlebens kaum mit dem Sohn gesprochen, auch nicht, als dieser ihn häufig am Krankenbett besuchte? Friedrich Ani sagt heute, er habe seinen Vater dafür bewundert, dass er nicht versucht habe, etwas gutzumachen, was nicht gutzumachen war.
Der brave Knabe bleibt ein Einzelkind, ein feiges Kind, so die Selbstbeschreibung des Autors, das "vor Mutanfällen" geschützt war, ein "Fachmann für sagenhaften Selbstbetrug". Ein einsames Kind auch, das sich das trickreiche Schweigen als Überlebenstechnik von den Eltern abschaut. Die Lebensumstände sind äußerst bescheiden, sein Elternhaus nennt Ani schon als Teenager "Intensivstation". Als Erzähler gibt er sich dann den Namen Georg, nach seinem dritten Vornamen. Georg flieht in die Welt der Bücher. Es ist der einzig mögliche Ausweg, er fühlt sich trotz Erfolgen als Fußballtorhüter als Einzelgänger in einer Welt umstellt von Bergen.
Wärme, Heiterkeit, Liebe gar - Fehlanzeige: "Bis heute kann ich mich nicht erinnern, während meiner Unmündigkeit jemals gelacht zu haben. Geweint öfter. Geheult eher." Die Mannwerdung beschreibt Ani mit allen Schmerzen, er ist dabei nicht larmoyant, eher staunt er über den Knaben, der sich aus seiner Erinnerung herausschält. Die erste Freundin wird von der Mutter torpediert ("Kommt nicht in Frage").
Bei Ani beginnt die Familienaufstellung mit einem ungeheuerlichen ersten Satz: "Der Syrer meiner Mutter tauchte Ende der Fünfzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts auf und blieb bis zum Frühjahr zweitausendzwölf. Dann starb er." Dreizehn Jahre ist das her, dass der Vater starb, "ich kannte ihn kaum, den Syrer meiner Mutter, obwohl er fast achtzig Jahre alt wurde". Aber wie im Leben bleibt der Vater auch im Buch eine kaum greifbare Figur. Sehr viel konkreter wird das Bild der kalten Mutter, die den größten Seelenschaden anrichtet, therapeutischer Gesprächsstoff bis ans Lebensende ihres Sohnes.
Aber Vorsicht, wir sind in einem literarischen Text, und der rekurriert auf andere Bezugssysteme, auf den Fixstern Hölderlin etwa. "Komm! ins Offene, Freund!" - Friedrich will weg, nur weg, immerzu träumt er davon, aber er schafft es erst mit achtzehn. Er geht nach München, nicht gerade weit weg, und bleibt im damals noch nicht gentrifizierten Giesing kleben, auch der Mauerfall ändert daran nichts. Er wird Feuilletonist, Dichter, Schriftsteller, Drehbuchautor. Die Literatur trägt und ernährt ihn, das fehlende Zutrauen gegenüber den Mitmenschen bleibt. Heute hat Ani sich mit Le Chok ausgesöhnt, sogar eine neue Zuneigung entwickelt. Aber seine Wunden werden bleiben, sie lassen sich nicht mit einem Buch allein vergessen machen. HANNES HINTERMEIER
Friedrich Ani: "Schlupfwinkel".
Fantasien über eine fremde Heimat.
Suhrkamp Verlag,
Berlin 2025. 128 S., geb.
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