NOTIZEN EINER VERLORENEN

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Im dämmrigen Licht alter Petroleumlampen in einer verlassenen Scheune entdeckt ein Unbekannter die Leiche von Sarah. Fliegen schwirren um ihren Kopf, der unter der Last eines schweren Ofens - Teil einer bizarren Maschinerie - zerquetscht wurde. Unter … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: NOTIZEN EINER VERLORENEN
Autor/en: Heike Vullriede

EAN: 9783943408881
Format:  EPUB
LUZIFER-Verlag

2. Oktober 2019 - epub eBook - 312 Seiten

Beschreibung

Im dämmrigen Licht alter Petroleumlampen in einer verlassenen Scheune entdeckt ein Unbekannter die Leiche von Sarah. Fliegen schwirren um ihren Kopf, der unter der Last eines schweren Ofens - Teil einer bizarren Maschinerie - zerquetscht wurde. Unter ihrem Körper findet sich ein rotes Notizbuch. Es enthält Aufzeichnungen der letzten Wochen ihres jungen Lebens: die Notizen einer Verlorenen ...

Nach ihrem erfolgreichen Debüt DER TOD KANN MICH NICHT MEHR ÜBERRASCHEN entführt Heike Vullriede in den NOTIZEN EINER VERLORENEN ihre Leser in eine bizarre Welt, wie sie in Ihrer - ja, auch IHRER - Nachbarschaft bestehen könnte. Mit leisen Tönen umschreibt sie das Unfassbare ... spannend, ergreifend - und realistisch.

Selten hat mich ein Buch so gefangen genommen. Hut ab vor Heike Vullriede, die ein einzigartiges Buch geschrieben hat. Toll! [Royston Vasey]

Portrait

Heike Vullriede, 1960 in Essen geboren und aufgewachsen, wohnte 15 Jahre in Herten (Westfalen) und lebt seit 2008 im münsterländischen Reken. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Jede freie Minute widmet sie der Arbeit mit Literatur.
Geschichten zieht sie an wie Kleider, die so eng sitzen, dass sie sich kaum wieder ablegen lassen. Das Leben hält sie für einen Traum von Gestern und Morgen, aus dem man nur schwer zur Gegenwart findet.
Heike Vullriede ist Mitglied der Autorinnenvereinigung e.V., der Deutschen Buddhistischen Union und der Künstlervereinigung Rekener Farbmühle e.V.

Leseprobe

Jens

Alles begann am 25. Juni 2011, zehn Tage nach meinem dreiunddreißigsten Geburtstag, mit einem verfluchten braunen Briefumschlag, den ich in meinem Briefkasten vorfand.

›An Sarah‹, ohne Absender oder Briefmarke.

Ich war ziemlich gereizt an diesem Tag. Wahrscheinlich lag es an meiner Verabredung mit Jens in der Stadt, denn ich wusste zu diesem Zeitpunkt längst, dass ich meine Zusage bereuen würde. Meine verschwendete Zeit auch. Was er wohl von mir wollte? Sein geheimnisvolles Getue war der einzige Grund, weshalb ich ihm überhaupt zugesagt hatte. Ich bin eben doch neugierig, muss ich zugeben, und Jens hätte sowieso keine Ruhe gegeben. Immerhin wollte er nicht bei mir auftauchen. Ein Treffen in der Essener City – das war mir auf jeden Fall lieber, als bei mir Zuhause. Gott, war ich froh, dass er mich seit ein paar Wochen in Ruhe ließ. Endlich gab es wieder eine Aussicht auf meinen stinknormalen einsiedlerischen und stummen Alltag, wenn man von der Zwangsgemeinschaft im Büro absah. Keine nächtlichen Anrufe mehr, kaum noch Gejammer am Telefon über sein schrecklich einsames Leben, als wäre das meine besser gewesen. Keine Vorwürfe, weil ich ihn verlassen hatte. Verlassen? Verlassen klingt viel zu harmlos! Geflüchtet passt wohl eher.

Ich fuhr mit dem SB15 von Burgaltendorf aus zum Essener Hauptbahnhof und wie immer hoppelte der Bus so grauenhaft über die Ruhrallee, dass es mir unmöglich war, irgendetwas auf meinem Smartphone zu lesen. Aber wer, außer Jens oder meinen Eltern, hätte mir auch schon eine Nachricht gesendet? Wichtig war es also nicht.

Leider hatte ich diesen Umschlag Zuhause in einer anderen Jacke vergessen. So ist das Leben. Man missachtet die Kleinigkeiten, weil man ihnen zu wenig Bedeutung beimisst. Dabei sind es oft genug die G
eringfügigkeiten, die sogar Leben kosten können.

Am vereinbarten Ort in der Stadtmitte, an unserem Lieblingskino Lichtburg, wartete Jens und begrüßte mich, indem er wie immer todernst auf mich herabsah. Mit diesem Blick, der in mir all die unguten Gefühle aufkommen ließ. Erinnerungen an eine furchtbar anstrengende Zeit in meinem Leben. Mir fiel wieder einmal auf, wie groß Jens war. Stand ich vor ihm, ohne den Kopf in den Nacken zu legen, reichte ich ihm gerade mal bis zu den Warzen seiner mageren Brust, über denen an diesem Tag ein schwarzes T-Shirt mit der seltsamen Aufschrift Verloren Knitterfalten bildete. Jens erfasste mich mit anklagend zusammengezogenen Augenbrauen. Nicht die Spur eines Lächelns zur Begrüßung in seinem fahlen Gesicht. Mit einem Auge zwinkerte er nervös.

»Da bist du ja endlich!«, sagte er, als wäre ich zu spät gekommen.

Jens hatte es gleich eilig. Flüchtig drückte er mir einen Kuss auf die Wange, der nichts von den kurzlebigen Gefühlen von damals in mir zurückholte. Ein Kuss, wie der eines Bruders, für den ich mich verantwortlich fühlte.

Von ihm am Arm gepackt wunderte ich mich über seine heute ungewöhnlich zielstrebige Art. Ich wusste auch nicht, warum er so viel Wert darauf legte, gerade jetzt und ganz pünktlich, von unserem Treffpunkt aus loszulaufen, ohne vorher wenigstens das Kinoprogramm der Lichtburg anzusehen. Morgen: Die Nordsee von oben, mit einem Meet&Greet der Filmemacher vor Ort. Aber Jens wollte nicht. Ich nahm es hin. Wenn man so jemanden kennt, wundert einen irgendwann nichts mehr. Und mich nannten die Leute komisch!

Er schob mich die Fußg
ängerzone auf der Kettwiger entlang in Richtung Hauptbahnhof, mitten durch das Gewühl der Kaufsüchtigen.

»Aber Jens, von da komme ich gerade. Lass uns doch erst mal durch die Geschäfte hier unten bummeln, ja?«

»Nein.«

»Nein? Warum nicht?«

»Das wirst du noch sehen. Komm mit.«

Seine Bestimmtheit verdutzte mich. Tatsächlich suchte ich nun doch nach einem Grund für sein Verhalten. Vielleicht wollte er mir etwas Besonderes kaufen, aber das wäre wahrhaftig das erste Mal gewesen. Besser, ich spekulierte gar nicht erst. Ich ließ mich stumm weiter ziehen, während Jens scheinbar versuchte, unsere Laufgeschwindigkeit zeitlich abzustimmen. Manchmal schlenderte er mit mir fast in aller Ruhe an einigen Schaufenstern entlang, dann wieder drängte er mich nach einem Blick auf die Armbanduhr zur Eile. Während wir gingen, sah ich auf seine langen Beine, in enge Jeans gepackt, die unablässig und mit viel größeren Schritten als meine vorwärts staksten. Ich musste stets zwei Schritte laufen, um einen von seinen aufzuholen. Auf den Oberschenkeln seiner ehemals blauen Hose fand ich eine feine, aber deutliche Schicht schmierigen Drecks. Typisch Jens – keine Zeit für das wahre Leben.

Unvermittelt blieb er stehen und packte mich bei den Schultern. Seine Finger kniffen schmerzhaft in meine Haut. Wollte er mir einen Antrag machen? Außer meinem Hirn lehnte sich sofort auch mein Magen auf. Eine derartige Verbindung mit Jens wollte ich mir keinesfalls mehr vorstellen … nicht noch einmal das Leben mit einem so schwierigen Menschen teilen. Jens sollte nur ein Freund bleiben. Von mir aus, ein guter Freund, aber mehr nicht. Wie aber sollte ich das diesem hochsensiblen und ständig suizidgefährdeten jungen Mann jetzt beibringen?<
/span>

»Das hatten wir doch schon mal, Jens … bitte …«

Aber von einem Antrag schien nicht die Rede zu sein.

»Was?«, fragte er. Jens sah so verständnislos aus, dass ich mich fast für meine Verdächtigung schämte. Er eröffnete mir, dass ich Post von ihm erhalten würde.

»Diese Post …« Seine Stimme klang feierlich zitternd. »… diese Post darfst du erst heute Abend öffnen!«

»Warum das denn?«

»Mach' es so, wie ich es dir sage … bitte!«

»Was hast du vor?«

»Frag nicht! Es muss alles genau so ablaufen. Wirklich alles! Machst du es so, wie ich es dir sage, ja?«

»Also gut, heute Abend. Aber dann hast du mir alles zu erklären, okay?«

Jens sah zu Boden. »Ja, ja.«

Ich wusste ja nicht, was er vorhatte. Man könnte es mir zum Vorwurf machen. Doch seltsame Andeutungen und geheimnisvolle Untertöne von ihm ließen mich schon lange nicht mehr aufhorchen.

Wieder sah er auf die Uhr.

»Komm, wir müssen los!«

Ohne sonstige Kommentare zog er mich mehr, als dass ich selbst lief. Und so eilten wir im strammen Gang durch den Hauptbahnhof. Ich immer hinter ihm her. Hinter seinen langen dürren Beinen in der schmutzigen Hose. Kaum noch vorstellbar, dass ich diese Beine zwischen meinen eigenen Beinen geduldet hatte. Dafür verachtete ich mich inzwischen … und ja – dafür hasste ich Jens! Dafür, und weil er mich nicht in Ruhe ließ, wo ich doch kaum mit mir selbst klar kam, und er mir jetzt auch noch die Schuld an seinem weiteren Unglück aufbürdete!

pan>Wir eilten bis zum Ausgang ›Freiheit‹ und von dort auf diesen neu gestalteten Platz hinter dem Bahnhof, der die A40 überbrückt. Hier blieb er mit mir stehen und von hier aus blickten wir nach unten auf den fließenden Verkehr.

Jens beugte sich über das Geländer und fixierte die in unsere Richtung kommenden Fahrzeuge, als wartete er auf ein bestimmtes. »Es steht eine Adresse darin«, sagte er, ohne mich anzusehen.

»In deiner Post?«

»Ja.«

»Aber warum gibst du sie mir nicht einfach jetzt?«

»Das ist eine ganz besondere Geschichte, weißt du. Schwierig, zu erklären.«

Er verlor während der ganzen Zeit nicht einmal die mit mäßiger Geschwindigkeit anfahrenden Autos aus den Augen. Nur ab und zu schwenkte sein Blick für den Bruchteil einer Sekunde auf seine Uhr. Warum konnte er nicht einfach nur einen unkomplizierten Bummel durch die Stadt mit mir machen? Was hatte ich nur erwartet? Nun stand ich mit ihm auf dieser Brücke, wusste – wie so oft – nicht, was er eigentlich wollte und sehnte mich nach bescheidener Normalität.

Auf einmal richtete sich Jens auf und riss hektisch seinen Kopf zu mir herum. »Jetzt … jetzt …«, rief er und seine Stimme kippte in einen aufgeregten Tonfall, wie ich es noch nie bei ihm gehört hatte.

Mit einem Satz sprang er auf das Geländer der Brücke. Er wäre fast sofort vornüber gekippt, bevor er einen Stand fand, die Schuhe teils frei schwebend, nur in der Mitte der Sohle von dem schmalen Stahl getragen. Unsicher ruderte er noch mit den Armen, um die Balance zu halten. Bedenklich schwankend drehte er sich auf seinem begrenzten Halt in meine Richtung. Doch bald beruhigte sich sein Körper. pan>

»Jens! Was machst du?!«

Ich schrie ihn an! Die Brücke führte mehr als haushoch über die Straßen hinweg. Mir selbst blieb die Luft zum Atmen weg vor Angst, doch in seinen Augen sah ich keine Furcht, eher so etwas, wie – ja, Tatendrang. Es klingt unwirklich, aber genauso kam es mir vor. Erwartungsvoll begeistert und doch aufgeregt ängstlich blickte er mich an, als wollte er sich gleich in nichts weiter, als in eine irre Achterbahnfahrt stürzen.

Im nächsten Moment aber biss er sich auf die Unterlippe, sog...


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