Ein typischer Steinfest: Der feine und genaue Beobachter seiner Mitgeschöpfe und deren Interpret ...
Die Schreibweise gleicht jener des US-Amerikaners T.C. Boyle. Beide lieben mit ihrer Sprache wortreich, teilweise ins Skurrile abkippend, zu spielen - ohne dass das Gespielte zum Klamauk verkommt. Meistens jedenfalls. Während sich bei Boyle inzwischen ein Gewöhnungseffekt eingestellt hat, seine Wortspielereien sich oft in langatmigen Quirlsätzen verstricken, wundert man sich bei H. Steinfest immer wieder, woher er all diese Vergleiche, diese Bilder, diese Metaphern hernimmt. Es ist eine große Freude diesen feinsinnigen Wortspielereien zu folgen. Auch wenn mit zunehmender Dauer diese anfängliche Freude durch den Gewöhnungseffekt etwas abstumpft, insofern seinen Büchern eine gewisse Kürzung gut täten - einerseits. Andererseits braucht jede Geschichte auch eine Breite (möglichst verbunden mit einer gedanklichen Tiefe), die diese rund macht. Dieses Rundmachen dieser mehr als außergewöhnlichen Geschichte wird ergänzt durch so manch Wissenswertes aus Botanik (z.B. über die Rosskastanie), Geographie (Neckar, Stuttgart), kulturellen Errungenschaften (Whisky spielt in diesem Buch eine wesentliche Rolle), ergänzt durch aktuelle Geschehnisse (Amokläufe, IS) und psychologisch angehauchtes Wissen, dass sich z.B. in dem folgenden Satz niedergeschlagen hat: "Wobei er viel redete, viel erzählte von seinem Leben, ausschmückte, wo auch immer eine Lücke in der Erinnerung dies möglich machte, sodass er sich einbilden konnte, nie zu lügen, nie etwas zu verfälschen, sondern eben bloß Lücken zu schließen." Kurz: Hier haben wir wieder einen typischen Steinfest; der feine, der genaue Beobachter seiner Mitgeschöpfe und deren Interpret, angeboten in einer ungewöhnlichen sprachlichen Fülle, die das Nachdenken nicht ausschließt.(22.4.2018)