Politische Intrigen statt Märchenzauber: Spannende High Fantasy mit starker Heldin und moralischen Grauzonen ¿ trotz kleiner Schwächen.
Wie weit würdest du gehen, um endlich dazuzugehören?Jude wächst in einer Welt auf, in der sie niemals wirklich willkommen sein wird. Als Sterbliche lebt sie am Hof der Elfen, umgeben von Wesen, die auf sie herabblicken und sie ihre Andersartigkeit jeden Tag spüren lassen. Doch statt sich damit abzufinden, beschließt sie, um ihren Platz zu kämpfen - koste es, was es wolle. Gerade dieser Kampf um Anerkennung und die Frage, wie weit man für Zugehörigkeit gehen darf, bilden für mich den spannendsten Aspekt der Geschichte.MitElfenkrone erschien am 11. Mai 2020 imcbtVerlag der Auftakt zuHolly Blacksgleichnamiger Trilogie. Auf 448 Seiten erwartet die Leser keine märchenhafte Elfenwelt voller Magie und Harmonie, sondern ein Hof voller Intrigen, Machtkämpfe und politischer Ränkespiele.Jude ist sieben Jahre alt, als ihre Eltern ermordet werden und sie gemeinsam mit ihren Schwestern ins Elfenreich verschleppt wird. Zehn Jahre später hat sie sich noch immer nicht damit abgefunden, als Sterbliche am Hof der Elfen eine Außenseiterin zu sein. Während andere ihren Platz akzeptieren würden, will Jude Anerkennung und Respekt - und ist bereit, dafür Grenzen zu überschreiten.Besonders spannend fand ich, wie konsequentHolly BlackJudes Entwicklung erzählt. Sie verändert sich nicht von heute auf morgen, sondern wird Schritt für Schritt von ihrer Umgebung geprägt. Der Wunsch, endlich dazuzugehören, bringt sie dazu, Entscheidungen zu treffen, die sie sich zu Beginn der Geschichte vermutlich selbst nie zugetraut hätte. Gerade diese Entwicklung macht sie zu einer interessanten Protagonistin - auch wenn sie nicht immer sympathisch ist."Wir sind sterblich, deshalb können wir auch nicht ewig darauf warten, bis sie uns tun lassen, was wir wollen."Gerade weil Jude bereit ist, immer einen Schritt weiterzugehen, passt das politische Umfeld perfekt zu ihr. Elfenheim ist kein märchenhafter Zufluchtsort, sondern eine kalte, beinahe bürokratische Machtstruktur, in der jede Entscheidung Folgen hat und niemand offen ausspricht, was er wirklich denkt. Hinter höflichen Worten verbergen sich Drohungen, hinter Bündnissen lauert Verrat und jeder scheint seine eigenen Ziele zu verfolgen.Während des Lesens fühlte ich mich stellenweise tatsächlich anGame of Throneserinnert. Nicht wegen großer Schlachten oder spektakulärer Kämpfe, sondern wegen der politischen Intrigen, der Machtspiele am Hof und der ständigen Frage, wem man überhaupt noch vertrauen kann. Holly Black erschafft eine Welt, in der nicht unbedingt der Stärkste gewinnt, sondern derjenige, der seine Karten am geschicktesten ausspielt.Auch die Nebenfiguren tragen viel zur Atmosphäre bei. Cardan, Locke, die verschiedenen Prinzen und auch Judes Schwestern sind vielschichtig angelegt und sorgen dafür, dass kaum eine Figur eindeutig einzuordnen ist. Besonders Cardan bleibt interessant, weil hinter seiner arroganten und abweisenden Art deutlich mehr zu stecken scheint. Genau diese Charakterzeichnung ist einer der Gründe, warum ich trotz einiger Kritikpunkte wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht."Ich werde dafür sorgen, dass mein Eintagsfliegenleben zählt."MitHolly BlacksSchreibstil bin ich allerdings nicht vollständig warm geworden. Er ist sehr sachlich und präzise, was zwar hervorragend zur kühlen Atmosphäre des Elfenhofs passt, mich emotional aber immer wieder auf Distanz hielt. Statt bildgewaltiger Beschreibungen stehen Dialoge, Figuren und politische Entwicklungen im Mittelpunkt. Das sorgt zwar für einen flüssigen Lesefluss, ließ mich aber stellenweise etwas mehr Atmosphäre vermissen.Auch der Einstieg brauchte für mich etwas Zeit. Die ersten Seiten dienen vor allem dazu, die Regeln dieser Welt und die Machtverhältnisse am Hof kennenzulernen. Sobald jedoch die einzelnen Fäden zusammenlaufen und Jude immer tiefer in die politischen Spiele hineingezogen wird, entwickelt die Geschichte einen deutlichen Sog. Gerade im Mittelteil konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen, weil die Situationen von Kapitel zu Kapitel brenzliger wurden.Nach dem starken Mittelteil hat mich die Geschichte zum Ende hin allerdings stellenweise wieder etwas verloren. Der zuvor so starke Sog ließ für mein Empfinden nach und einige Entwicklungen konnte ich bereits früh erahnen, wodurch das Finale für mich ein Stück weit an Spannung eingebüßt hat. Wirklich enttäuscht war ich deshalb aber nicht - dafür haben mich die Figuren zu sehr überzeugt. Gerade Jude und die vielschichtigen Charaktere am Elfenhof sind so interessant angelegt, dass ich unbedingt erfahren möchte, wie sich ihre Geschichten in den Folgebänden weiterentwickeln.Fazit:Elfenkrone erzählt weniger eine Geschichte über Elfen als vielmehr über Ehrgeiz, Macht und den Wunsch, seinen Platz in einer Welt zu finden, die einen niemals vollständig akzeptieren wird. Gerade Judes Entwicklung und die politischen Intrigen machen den Reiz des Romans aus.Der nüchterne Schreibstil und ein für mich etwas vorhersehbares Ende verhinderten zwar, dass mich die Geschichte restlos begeistern konnte, dennoch hatHolly BlackFiguren erschaffen, die neugierig auf mehr machen. Genau deshalb werde ich die Trilogie auf jeden Fall weiterlesen.Wer Fantasy mit politischen Intrigen, moralisch ambivalenten Figuren und einer Heldin sucht, die nicht immer den einfachen Weg wählt, sollte Elfenkrone definitiv eine Chance geben.Trilogie:> ELFENKRONE (Band 1)> ELFENKÖNIG (Band 2)> ELFENTHRON (Band 3)