Leider ein Fehlgriff, diese Geschichte über eine dysfunktionale Familie hat mich nicht erreicht
In Jo Hamyas Roman "Die Scheinheiligen" steht ein chauvinistischer, selbstgefälliger Romanautor mittleren Alters im Zentrum, der von seiner Tochter Sophia öffentlich vorgeführt wird. Sie hat ein Theaterstück geschrieben, das eine gemeinsame Reise auf eine kleine Insel vor Sizilien thematisiert. Während der Vater dort tagsüber an seinem neuen Roman arbeitet und ihn der Tochter diktiert, geht er nachts wechselnde sexuelle Affären ein. Für die pubertierende Sophia wird diese Reise zu einer verstörenden Erfahrung, die sie Jahre später auf der Bühne verarbeitet.Die Konstruktion des Romans ist zunächst reizvoll. Hamya wechselt zwischen den zurückliegenden Erlebnissen auf der Insel, einem angespannten Mittagessen zwischen Sophia und ihrer geschiedenen Mutter und dem Theaterbesuch des Vaters. Dieser sitzt im Publikum, ohne zu wissen, was ihn erwartet, und erkennt erst während der Aufführung, dass das Stück seine eigene Geschichte erzählt. Ein Schriftsteller, der gewohnt ist, selbst über andere Menschen und ihre Geschichten zu verfügen, wird plötzlich selbst zum Gegenstand einer öffentlichen Inszenierung.Leider konnte mich diese Ausgangsidee kaum erreichen. Das liegt weniger an der Handlung als an der emotionalen Leere, die sich durch den gesamten Roman zieht. Die Figuren sind in ihren Beziehungen derart beschädigt, dass es mir schwer fiel, irgendeine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Der Vater ist ein chauvinistischer und egozentrischer Mann, dessen Verhalten kaum Sympathie zulässt. Aber auch Sophia und ihre Mutter werden nicht zu Figuren, deren Perspektiven einen wirklichen Gegenpol bilden könnten. Stattdessen scheint jeder Kontakt von Misstrauen, Kränkung und Abrechnung bestimmt.Problematischer noch ist, dass Hamya diesen Zustand kaum durchbricht. Die kaputten Beziehungen werden ausgestellt, aber es entsteht wenig daraus. Man wartet geradezu darauf, dass irgendwann ein Moment der Selbsterkenntnis, des Bedauerns oder wenigstens der Möglichkeit einer Veränderung sichtbar wird. Doch ein solcher Hoffnungsschimmer bleibt weitgehend aus. Die Figuren scheinen in ihren Rollen gefangen, ohne dass der Roman daraus eine weiterführende Erkenntnis gewinnt. Gerade der Theaterbesuch des Vaters hätte die Möglichkeit geboten, diese Perspektive aufzubrechen. Interessant wäre gewesen zu beobachten, was es mit einem Menschen macht, der plötzlich seine eigene Vergangenheit durch die Augen seiner Tochter dargestellt sieht. Erkennt er etwas? Beginnt er, sein eigenes Verhalten anders zu beurteilen? Hamya interessiert sich zwar für diese Konfrontation, aber die daraus entstehende Spannung konnte mich nicht dauerhaft fesseln. Die Provokation bleibt letztlich Provokation.Dabei sind die Themen durchaus ergiebig: Wer darf wessen Geschichte erzählen? Was geschieht, wenn persönliche Erlebnisse zur Kunst werden? Und wie viel Wahrheit steckt in einer Darstellung, wenn die Betroffenen sie völlig anders erinnern? Gerade weil der Vater selbst Schriftsteller ist, hätte sich daraus ein vielschichtiges Spiel mit Perspektiven und Deutungshoheit entwickeln können. Der Roman deutet diese Möglichkeiten an, schöpft sie für meinen Geschmack aber nicht überzeugend aus.So blieb bei mir vor allem ein Gefühl der Distanz zurück. "Die Scheinheiligen" ist sicherlich kein gefälliger Roman und will das vermutlich auch gar nicht sein. Die Figuren sollen verstören, die familiären Verhältnisse sind bewusst unerquicklich, und Hamya verweigert einfache Versöhnungsangebote. Das kann literarisch reizvoll sein. Für mich jedoch fehlte diesem konsequent düsteren Blick eine zweite Ebene, die über die Darstellung von Verletzungen und moralischen Verfehlungen hinausweist.Für mich leider ein Fehlgriff: eine interessante Ausgangssituation, eine reizvolle Erzählanlage - aber zu wenig emotionale oder gedankliche Entwicklung, um mich wirklich zu fesseln.