
PENGUIN EDITION. Zeitlos, kultig, bunt. - Ausgezeichnet mit dem German Brand Award 2022
Besprechung vom 16.01.2026
Ins Herz der weißen Finsternis
Ein Roman von 1901 beschreibt Großmacht-Annexionspläne für Grönland
Um 1900 tun sich zwei Autoren zusammen, um einen merkwürdigen Roman zu schreiben, der bislang kaum beachtet wurde. Der noch wenig bekannte Ford Madox Hueffer (später Ford) arbeitet große Teile aus, der inzwischen berühmte Joseph Conrad präzisiert und pointiert. Sie nennen das Werk "The Inheritors" (1901, deutsch als "Die Erben", 2023). Mit dem Untertitel "An Extravagant Story" signalisieren sie Neuland: eine Mischung aus politischer Satire und Science-Fiction. Stilistisch bringen sie den Impressionismus der Kunst in die Sprache, mit Ellipsen, abgebrochenen Sätzen und vagen Andeutungen.
Hauptfigur ist Arthur Granger, ein mittelmäßiger Autor und Journalist, der den Auftrag erhält, Porträts zu schreiben von prominenten Politikern, sogenannte "Atmosphären". Er findet sich bald in politisch-medialen Intrigen wieder, und je genauer er hinschaut, desto undeutlicher werden die Vorgänge. Sie drehen sich um ein Vakuum, einen weißen Fleck, und dieser Fleck heißt: Grönland. Ein Jahrzehnt zuvor erst hatte Fridtjof Nansen die Insel erstmals durchquert. Nun planen britische Politiker im Roman, das brache Land aus Eis zu annektieren.
Conrad hatte gerade sein später bekanntestes Werk, "Heart of Darkness", veröffentlicht; den neuen Roman kann man als eine Art Fortsetzung lesen. Der "Schwarze Kontinent" wird hier zum "Weißen", die weiße Gier braucht einfach dieses Land, das Empire muss weiter wachsen. Die Politik bedient sich der Zeitungen, um der Öffentlichkeit einen Vorwand für die Übernahme zu präsentieren. Es geht also wieder darum, das "Licht der Zivilisation" unter die "Wilden" zu tragen, die sogar als "Schwarze" bezeichnet werden. Ein schattenhafter Herzog namens Duc de Mersch erinnert an den belgischen König Leopold II., der seine brutale Ausbeutung des Kongo philanthropisch verbrämte.
Der Herzog steht als megalomaner Humanist hinter dem Projekt, er liefert die Moral. Bei aller Philanthropie bleibt er vage und wandelbar. Wenn "Eingeborene" im Wege stehen, dann müssen sie eben ausgerottet werden. Diesmal geht es nicht um Elfenbein wie im Kongo, sondern um Lebertran, Bodenschätze und Gold. Dringend muss eine Bahn quer durch die Insel gebaut werden, zum Abtransport der Schätze. Die "Regeneration der arktischen Gebiete" werde durch Technik und Industrie erfolgen. (Einige Jahrzehnte später sollte auch Ernst Bloch in "Das Prinzip Hoffnung" von einem durch Atomkraft ergrünten Grönland träumen.) In der Verzahnung von Medien, Banken und Politik wird Granger mit seinem Projekt der "Atmosphären" bald zum Spielball von Mächten.
Unterhalb dieser durchsichtigen Ausbeutungspolitik kommt die "Extravaganz" des Titels ins Spiel, und zwar als Science-Fiction. Wer sind denn die Erben eigentlich? Nein, sie stehen nicht für das damals größte Reich der Erde, das britische Empire. Vielmehr wird angedeutet, dass der Griff nach Grönland ein deutliches Zeichen des baldigen Zerfalls eines Imperiums ist, das dann beerbt werden wird. Die wahren Erben kommen aus einer ganz anderen Dimension, der vierten. Granger trifft zu Anfang eine Frau, die er zunächst für eine Amerikanerin hält. Sie macht ihm klar, dass er mit seinen Ansichten über die Welt längst aus der Zeit gefallen ist. Als Demonstration ganz anderer Kräfte lässt sie die Kathedrale von Canterbury ins Unendliche hineinwachsen, um sie kurz darauf wieder aus dieser Vision zurückzuholen. Kosmische Energien sind also am Werk.
Die Frau nennt sich Dimensionistin, ein Wesen aus der vierten Dimension, das sich geistergleich in der Welt bewegt, kommt und verschwindet. Zugleich ist sie eine Art Übermensch, denn sie sieht sich und die anderen Dimensionisten jenseits von Gut und Böse. Es sind kalte Egoisten, die die Macht über die Erde erlangen werden. Mit Übermenschen wie Kurtz hatte Conrad schon abgerechnet im "Herz der Finsternis". Er und Ford verbinden nun den "Willen zur Macht" jener Überwesen mit dem seit den Achtzigern des achtzehnten Jahrhunderts beliebten Motiv einer vierten Dimension als Parallelwelt. Wenige Jahre zuvor hatte H. G. Wells' "Zeitmaschine" dieses Konzept popularisiert.
Das Spiel um Grönland, die Täuschungen und Heucheleien der Politiker und Medien, ist demnach nichts als ein aus einer anderen Welt gesteuertes Theater, das sich die künftigen Erben mit den Menschen erlauben. Die Dimensionisten haben längst ihre Invasion begonnen und die Gesellschaft unterwandert. Sie sind inzwischen dabei, den überholten Menschen eine neue Vergangenheit zu schaffen - die Voraussetzung jeder Diktatur, wie uns Orwell lehrt.
Noch etwas lässt aufhorchen. Die Dimensionistin heiratet am Ende einen Finanzmagnaten, und wenn sie von ihrer Mission spricht, redet sie mechanisch wie ein Phonograph. Übersetzen wir dies in KI als Kalte Intelligenz, so spannt sich ein Bogen zu den heutigen Technozaren, die sich als die wahren Erben der Erde verstehen und die Politiker tanzen lassen. In Grönland kommen diese Vorgänge, damals wie heute, ans Licht. Conrad hielt das Buch für gelungen: Es war für ihn eine Bloßstellung der "materialistischen Übertreibung des Individualismus, dessen skrupellose Effizienz vom heutigen Zeitgeist angebetet wird". ELMAR SCHENKEL
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