
Dreißig Jahre lang hat sie sich vor ihrer Vergangenheit versteckt. Acht ungeklärte Todesfälle. Ein gespenstischer Horrorfilm. Und kein Ausweg mehr.
Die Journalistin Laura Warren kommt nach L. A. , um über das Remake eines Horrorfilms zu berichten - eines verfluchten Films, in dem sie vor dreißig Jahren die Hauptrolle spielte: ein kleines Mädchen mit der schrecklichen Gabe, den Leuten ihren Tod vorhersagen zu können. Als damals tatsächlich acht Mitglieder der Besetzung und der Crew auf unheimliche Weise starben, beendete die traumatisierte Laura ihre Filmkarriere und änderte ihre gesamte Identität. Doch jetzt, auf dem Weg zum Filmset, springt ein Mann von einer Brücke und schlägt direkt hinter ihrem Wagen auf. Es hat wieder angefangen, denkt sie. Diesmal ist Laura entschlossen, den Fluch ein für alle Mal zu brechen. Wenn er sie nicht vorher einholt. . .
Besprechung vom 05.01.2026
Badewanne voller Blut
Josh Winning kennt sich aus im Horror-Genre
Freddy Krueger hat seinen klingenbesetzten Handschuh, Jason die Hockeymaske und der Needle Man einen rostfleckigen Hut und dünne Nadeln, die anstelle von Fingern aus seinen Händen ragen. Er ist der Killer aus "The Guesthouse", einem fiktiven Horrorfilm des Jahres 1993, dem die tödlichen Unfälle gleich acht Beteiligter im Anschluss an seine Veröffentlichung den Ruf als verfluchtester Film Hollywoods einbrachten. Noch gruseliger als der Needle Man ist die Hauptfigur Polly, ein Mädchen, das im gelben Kleid durch die titelgebende Herberge hüpft und den Gästen mithilfe eines Himmel-und-Hölle-Spiels vorhersagt, wie sie sterben werden.
Als die Geschichte von "Verbrenn das Negativ" einsetzt, hat die Kinderdarstellerin von damals die Schauspielerei längst an den Nagel gehängt, ist unter neuem Namen nach England gezogen und sitzt nun als inzwischen etablierte Set-Reporterin im Flieger nach Los Angeles, um von den Dreharbeiten zum "Guesthouse"-Remake als Streamingserie zu berichten. Doch kaum in der Stadt angekommen, häufen sich wieder die mysteriösen Unglücke, Todesfälle und übernatürlichen Phänomene. Vom fehlgeschlagenen Exorzismus zum Final Girl, vom schwachen Telefonnetz in der Wüste zur Badewanne voller Blut - "Verbrenn das Negativ" bespielt die vollständige Klaviatur der Standardszenen und Topoi des Horrorgenres.
Es handelt sich um den ersten ins Deutsche übersetzten Roman des amerikanischen Filmjournalisten Josh Winning, eine Mischung aus Whodunit und Slasher, die ebenso vom Fanservice, vom Gefühl des Eingeweiht-Seins lebt wie die Klassiker, auf die sie sich bezieht. Zeitungsschnipsel, Ausschnitte aus Filmenzyklopädien und Fan-Foren oder der abgegriffene Klappentext einer VHS-Kassette sind wie Bonusmaterial zwischen die Kapitel geklemmt, nicht immer zwingend zum Vorankommen des Plots, aber eine willkommene Erweiterung des Hintergrundwissens. Textur für eine Erzählwelt, die angesichts des erschwerenden Umstands, dass Figuren in Horrorgeschichten traditionell ein gewisses Maß an Irrationalität an den Tag legen, Gefahr liefe, selbst als eine weitere Kopie wahrgenommen zu werden. Kaum jemand kann den Spaß in Abrede stellen, den diese Formelhaftigkeit zuweilen mit sich bringt.
Und erst recht nicht ihre Lukrativität. Die endlose Verwertungskette aus Kinohits und einer Schwemme darauf folgender Exploitation- und B-Movies, aus billig produziertem Merch, Remakes, Reboots, Sequels, Prequels und Spin-Off-Serien der Streamingplattformen sind seit Jahrzehnten der Fluch des Genres, manchmal auch sein Segen. Der Meta-Diskurs über Ausbeutung ist Winnings Roman also eingeschrieben: Die Ausbeutung origineller Ideen und kulturellen Kapitals, von Arbeitskraft und Privatsphäre, weiblicher Körper, kindlicher Unschuld - aber auch der Naivität des Publikums gegenüber dem manipulativen Potential narrativer Medien.
An der Binse ist was dran: Wer eine Doku über Robben schaut, ist in der Jagdszene auf der Seite der Robbe, aber wer eine Killerwaldoku schaut, ist in derselben Szene auf der Seite des Killerwals. Der Autor macht sich unsere kognitive Trägheit zunutze, um unentwegt die rationalen Erklärungen gegen das Übernatürliche auszuspielen; und das so geschickt, dass stets etliche Figuren und Motive als Ursprung des Bösen im Spiel bleiben: die Streiche, die unter Filmcrews in Hollywood seit je zum guten Ton gehören, die Rache nicht ausreichend gewürdigter Autoren, die Eifersucht einer als Schauspielerin weniger erfolgreichen Schwester oder das Trauma infolge des psychischen Terrors einer tyrannischen Mutter.
Wenn sich in "Verbrenn das Negativ" das Monster manifestiert, ist das ein ähnlich viszerales Gefühl wie im kurzen Schreckmoment, wenn während einer analogen Kinoprojektion der Filmstreifen durchbrennt und das Bild von der Leinwand zu schmelzen scheint, beunruhigend schön. KATRIN DOERKSEN
Josh Winning: "Verbrenn das Negativ". Thriller.
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 374 S., br.,
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