
Es beginnt nicht mit einem weißen Blatt, sondern mit einem weißen Block, einem fast 27 Tonnen schweren Ungetüm aus massivem Marmor. Noch Monate nach der verhängnisvollen Begegnung auf einer Fähre vor der Insel Thassos lässt der Stein Judith Schalansky nicht los und führt sie auf eine schneeweiße Fährte in die Marmorbrüche und Bildhauerei-Ateliers, durch die dunkle, oft gewalttätige Geschichte von Materialgewinnung und Weltaneignung. Ein Workshop an der Kunsthochschule von Guadalajara wiederum gerät zu einer tollkühn-quecksilbrigen Performance als Apologetin der Buchkultur. Und die Rekonstruktion einer lang zurückliegenden Besteigung des meist nebelverhangenen Brockens verdichtet sich zu einer Enzyklopädie der Undurchsichtigkeit, die das Erhellende im Ungewissen sucht.
Wie immer bei Judith Schalansky geht es in ihrem neuen Buch um alles: den Nährwert von Marmorschweinen, das Gewicht der Erde, den Belegungsplan der Arche Noah, die Wahrhaftigkeit mexikanischen Wrestlings oder das Brockengespenst - um Phänomene also, in denen sich die widerspenstige Wirklichkeit spiegelt und vervielfacht. Ihre drei windungsreichen, immer überraschenden Texte, mal Essay, mal Erzählung, erkunden mit spielerischer Präzision die materiellen Bedingungen des Lebens und nicht zuletzt des eigenen Schreibens.
Besprechung vom 21.04.2026
Die Materie ist das Medium
Was Michelangelos David mit dem Rüpel vom Schulhof verbindet: Judith Schalanskys Poetikvorlesungen überzeugen auch als furioses Buch.
In seiner Erzählung "Eine Kreuzung" beschreibt Franz Kafka ein Tier, das in deutlichem Gegensatz zum wuchtigen Titel des Textes steht: ein überaus zartes Wesen, halb Kätzchen, halb Lamm, das aber "beiderlei Unruhe" in sich hat. Ein Tier, das gleichzeitig ein "großes Schauspiel" bietet, wie Kafka betont, nicht nur für Kinder. Womöglich auch deshalb erwähnt es die Schriftstellerin Judith Schalansky genau in der Mitte ihres Buches "Marmor, Quecksilber, Nebel", das aus ihren Frankfurter Poetikvorlesungen hervorgegangen ist, die sie im letzten Jahr an der Goethe-Universität gehalten hat.
Poetikvorlesungen sind ein verzwicktes Genre, nicht minder paradox als Kafkas Phantasiegeschöpf. Über das eigene Schreiben schriftlich nachzudenken und es im selben Moment zu praktizieren. Mit jedem Wort, ja mit jedem einzelnen Laut in der Pflicht zu stehen, das, was man gerade über das Schreiben, über die Sprache erzählt, ebendieser Sprache auch einzuschreiben - der Druck könnte größer kaum sein. Im schlimmsten Fall tritt man tapsig in Konkurrenz zu literaturkritischen und wissenschaftlichen Arbeiten und endet in müden Exegesen der eigenen Texte. Oder es ergeht einem wie der Hauptfigur Jenny in Schalanskys frühem Roman "Blau steht dir nicht", als sie gerade schwimmen lernt: "Es war wie beim Fahrradfahren, auf einmal funktionierte es. Sie staunte über das Gelingen. So einfach war es also. Doch als sie versuchte, die Bewegungen zu verstehen, lösten sie sich plötzlich auf. Ihr Kopf ging unter, die Arme paddelten ohne Plan, der Takt stimmte nicht mehr."
So gesehen ist es fast ein Wunder und ein großes Schauspiel zugleich, dass auf Schalanskys Vorlesungen nichts davon zutrifft. Im Gegenteil, je länger man ihren Sätzen folgt, desto deutlicher spürbar wird deren guter Takt, man bestaunt die Bewegungen ihres Denkens und ihrer Sprache, ohne das Gefühl zu haben, alles würde sich in bloßes Verstehen auflösen. Auch Spuren von Didaktik und Mündlichkeit, die eine Vorlesung noch in sich tragen kann, hat Schalansky für die Veröffentlichung getilgt und aus den Texten ein großartiges Buch gemacht.
Drei Phänomene hat sie sich ausgesucht, die den drei Teilen auch ihre Titel geben: Marmor, Quecksilber und Nebel. So unterschiedlich sie sind, markieren sie doch eines der Charakteristika von Schalanskys Schreiben: das Verquicktsein mit Stofflichkeit. Oder in ihren Worten: "Die Materie ist das Medium." Die Stoffe findet sie auf Reisen, beim Recherchieren im Internet, im kleinsten Alltagsdetail - "Es hängt nur von der Richtung und Dauer unsrer Aufmerksamkeit ab", zitiert sie einmal Novalis - und vor allem beim Stöbern und Lesen in den Hallen und Archivalienräumen der Berliner Staatsbibliothek, wo sie seit vielen Jahren ihren Schreibplatz hat.
Er liegt direkt vor einer Wand aus Kalkstein, und die Brüstung zwischen Mauer und Schreibtisch wird von Marmor verkleidet. Insofern überrascht es nicht, dass Marmor auch zu Beginn ihres Nachdenkens über das Schreiben steht. Die entscheidende Begegnung mit dem "weißen Stoff" indes ist für Schalansky so überraschend und dem Zufall geschuldet wie sonst kaum etwas. Auf einer Fähre von der Ägäisinsel Thassos Richtung Festland sieht sie auf der Ladefläche eines Trucks einen Marmorblock, einen "aberwitzig" großen Brocken, "ungeschlacht", "perfekt" und fast 27 Tonnen schwer, wie sich der roten Aufschrift entnehmen lässt.
Und der Funke zündet sofort, löst Gefühle von Verliebtheit und Erschütterung aus: "Eine Spaziergängerin vor einem angeschwemmten Walfisch kann sich nicht verlorener fühlen. Der Gegenstand des Interesses ist einfach zu groß, er entstammt einer anderen Dimension, ist eine Schulung der Wahrnehmung, eine Lektion in Demut, eine Prüfung des Glaubens."
Was im Text nun passiert, lässt sich in einigen beschreibenden Sätzen allenfalls andeuten. Schalansky betrachtet die verschiedensten Phänomene, die mit dem Wort- und Bedeutungsfeld Marmor zu tun haben. Sie berücksichtigt phänomenologische und semantische Momente genauso wie Redewendungen oder Lautähnlichkeiten. Dabei kommt sie vom Hölzchen aufs Stöckchen, vom Marmorbröckchen aufs Sarkophägchen und auf ein marderähnliches Tierchen dazu, das einmal in der Staatsbibliothek gesichtet worden sein soll. Der "Brocken" kann Marmorblock sein und der Berg im Harz, "David" meint die berühmte Skulptur Michelangelos, aber auch das nervige Großmaul aus Schalanskys Schulzeit, von dem sie immer herabgesetzt wurde. So versucht sie, alles mit allem in Beziehung zu setzen, biographische Spuren verquicken sich mit Sprachspuren, man entdeckt Nachbarschaften, aber ebenso Abstoßungen und Reibungsflächen.
Das eigene Schreiben reflektiert Schalansky auch in poetologischen Bildern. So nimmt sie etwa die Schwere- und Erdschichtenmetaphorik auf, die sie zuvor auf den Marmor angewendet hat: "Meine Tätigkeit besteht vorrangig darin, Gewicht aufzutürmen und die Schwere der Sedimente auf den Stoff einwirken zu lassen, ein Prozess der fortwährenden Verdichtung, in dem alles Erklären und Erzählen immer mehr amalgamiert, so dass es gänzlich ineinander aufgeht, eine Kreislaufwirtschaft, in der Sekundärliteratur wieder in Primärliteratur verwandelt wird." Zur Kreislaufwirtschaft gehören stets Fotos und Abbildungen, die eingestreut werden, und in diesem Fall auch noch ein Bucheinband, der so geprägt ist, dass man tatsächlich die Textur von rohem Marmor zu ertasten meint.
Das Assoziieren und Verbinden möglichst weit auseinanderliegender Phänomene ist die Denk- und Schreibart, die man auch aus Schalanskys früheren Büchern kennt. Zuletzt hat sie es, narrativ eingelagert, in ihrem "Verzeichnis einiger Verluste" praktiziert. Nur spitzt sie im neuen Band alles zu, probiert drei ganz unterschiedliche Arten von Verschiebungen aus, die den jeweiligen Stoffen angepasst sind. Man kann ihr also nicht bloß beim Schreiben, sondern auch bei der Weiterentwicklung des Schreibens zusehen.
"Quecksilber", der Mittelteil dieses raffiniert gebauten und über kleinste Motiv- und Sprachteilchen verknüpften Buches, ist in gewisser Hinsicht der gewöhnlichste der drei Texte. Den Ausgangspunkt des Stücks bildet eine Einladung ins mexikanische Guadalajara, vor Studierenden der Buchgestaltung einen Vortrag zu halten. In Form einer Rekapitulation reflektiert Schalansky über die vielen möglichen Fehler, die sie in ihrer Rede begangen haben könnte. Hat sie Begriffe wie "Bastard Books" auch auf mögliche koloniale Konnotationen hin befragt? Wirkt sie mit ihrem Plädoyer für das Buch nicht lächerlich vor den jungen Menschen, die während des Zuhörens pausenlos mit ihren Smartphones spielen?
Das titelgebende "Quecksilber" kommt spannenderweise über viele Seiten hinweg bloß in Randnoten vor. Es wird aber dann nicht nur in seiner Wandlungsfähigkeit beleuchtet, sondern auch wegen seines hohen Giftanteils, mit dem es den örtlichen Fluss verpestet. Genau dieses Giftige und vielleicht auch quecksilbrig Schillernde fehlt dem Text ein wenig, der an manchen Stellen seine rhetorischen Mittel allzu deutlich ausstellt.
Umso faszinierender ist das Nebel-Kapitel. Auf den ersten Blick ist es nur eine Sammlung von bearbeiteten Zitaten zum Thema Nebel. Doch schnell wird klar: Schalansky hat eine brillante literarische Entsprechung zum Vagen, Diffusen und Verhüllenden des Nebels gefunden. Und so weht und driftet man beim Lesen förmlich durch die kurzen Abschnitte, die von einer Nebelbeschreibung auf dem Darß bis zu Verständnisproblemen früher Sprachcomputer reichen. Mitunter fühlt man sich an die Denkbilder Walter Benjamins erinnert, aber auch an die Spracharbeit der Dichterin Barbara Köhler, an die präzise Ironie einer Brigitte Kronauer oder an die Collagekunst von Marcel Beyers "Das blindgeweinte Jahrhundert", das sich ebenfalls einer Frankfurter Poetikvorlesung verdankt.
Dabei gelingt es Judith Schalansky in ihren drei Texten, alles Selbstzweckhafte zu vermeiden. Wie nebenbei holt sie die großen gesellschaftlichen Fragen nach Umweltzerstörung, Künstlicher Intelligenz und vor allem nach patriarchaler Gewalt in ihre Sätze, bis hin zum Pelicot-Prozess. Literatur ist bei ihr ein Erkenntnisinstrument, das keine Thesen ausstellt oder gar Parolen ausruft. Vielmehr entdeckt sie mit Novalis' "Zauberstab der Analogie" und einem wundersamen Sinn für Komik Verwandtschaften und strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den unterschiedlichsten Dingen. Auf dass sich alle Ideen "fixer Zuordnungen" auflösen. NICO BLEUTGE
Judith Schalansky: "Marmor, Quecksilber, Nebel". Woraus die Welt gemacht ist.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 176 S., geb.
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