
Besprechung vom 16.09.2025
Eine Krise ist noch keine Katastrophe
Ein Philosoph hält die Fahne des Liberalismus hoch, von der Meinungsfreiheit bis zum Parteienverbot
Im Jahr 1982 erschien der dritte Band des ambitionierten geisteswissenschaftlichen bundesrepublikanischen Buchprojekts "Geschichtliche Grundbegriffe". Darin widmete sich der Historiker Reinhart Koselleck in einem gut dreißigseitigen Essay der "Krise" und untersuchte den Wandel und die Konjunkturen des Begriffs von der Antike, als er aus der Medizin kommend bereits eine zentrale Kategorie der Politik geworden war, über Friedrich den Großen, wo er seine militärische Konnotation erhielt, bis hin zu Marx und Engels, die den Terminus vor allem mit Bezug auf die Ökonomie gebrauchten.
Wenn man Kosellecks elaborierte Ausführungen zur "Krise" mehr als vierzig Jahre nach deren Niederschrift liest, fühlt man sich unweigerlich in unsere Gegenwart versetzt, denn seine Feststellungen wirken wie deren Beschreibung: "Aufgrund seiner metaphorischen Vieldeutigkeit und Dehnbarkeit beginnt der Begriff zu schillern. Er dringt in die Alltagssprache ein und wird zum Schlagwort. In unserem Jahrhundert gibt es kaum einen Lebensbereich, der nicht mit Hilfe dieses Ausdrucks seine entscheidungsträchtigen Akzente erhielte."
In welcher enormen Bandbreite der schon zu Kosellecks Zeiten ubiquitäre "Krisen"-Begriff auch gegenwärtig schwingt, misst der österreichische Philosoph und Publizist Konrad Paul Liessmann in einem Band mit fünfzehn kurzen Essays aus, die nicht weniger als eine "Philosophie der Krise" bieten sollen, wie dessen Untertitel - sicher aus Verlagsmarketinggründen - etwas vollmundig verspricht. Liessmann macht in seinen durchweg prononcierten, originellen und anregenden Beiträgen, die zum Teil bereits in anderen Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind und für den Druck erweitert und überarbeitet wurden, auf vielen gesellschaftlichen Ebenen eine Krise der parlamentarischen Demokratie, der Toleranz, des Begehrens, der Wissenschaft, der Sprache, des menschlichen Gesichts, der Mobilität und des Humors aus.
Der meinungsfreudige und freigeistige Philosoph aber bleibt nicht bei diesen multiplen Krisendiagnosen stehen, sondern steuert mit Referenz auf große philosophische Außenseiter wie Nietzsche, Spinoza, Kierkegaard oder Günther Anders stets konstruktive Vorschläge zu deren Lösung bei. Dabei stellt sich Liessmann, der als wortmächtiger Kritiker von Pisa-Schule und Bologna-Universität bekannt geworden ist, mit Lust am Widerspruch und einer großen Skepsis für (leitmediale) Mehrheitsmeinungen meist dem Zeitgeist entgegen.
Einleitend stellt er fest: "Eine Krise ist (noch) keine Katastrophe." So lehnt Liessmann etwa mit Blick auf den Klimawandel die religiös und moralische aufgeladene Rede von der "Klimakatastrophe" ab, weil diese die Prozesshaftigkeit des Geschehens zugunsten einer apokalyptischen Verkürzung verschleiert, die entweder zu einer Resignation führen kann oder zu einer Panik, in der im Angesicht des vermeintlich unmittelbar bevorstehenden Untergangs alle Mittel erlaubt scheinen, auch undemokratische und gewaltsame. Die Klimakrise könnte so eine andere schwelende Krise, die des Parlamentarismus, weiter verstärken. Als Ausdruck dieser Krise sieht Liessmann die staatliche Finanzierung von sogenannten Nichtregierungsorganisationen, Parteienverbotsdiskussionen ("fragwürdige Äußerungen einzelner Funktionäre geben dafür noch keine Grundlage ab") und die semantische Unterscheidung von demokratischen und undemokratischen Parteien und deren Wählern: "in einer Demokratie kann man (...) nicht falsch wählen, sondern (...) nur anders".
Voller Sarkasmus konstatiert Liessmann, der sich nicht nur in dieser Hinsicht als scharfzüngiger und aufmerksamer Beobachter der Zeitläufte über sein Heimatland hinaus erweist, mit Blick auf den Zustand der Meinungsfreiheit: "Die Toleranz, die so gerne an- und eingemahnt wird, gilt für jene Andersdenkenden, die so denken wie man selbst." In der Folge verfasst er unter Rückgriff auf die Gedanken des englischen Philosophen John Stuart Mill ein leidenschaftliches Plädoyer für eine weit verstandene nahezu absolute Meinungsfreiheit und führt ausgerechnet den Journalisten Karl Marx als Kronzeugen für die Pressefreiheit und gegen die aktuellen Zensurbemühungen im Namen des hehren Kampfes gegen Hass und Hetze an.
Bei Liessmann kann man noch von einer selbstbewussten liberalen Überzeugung getragene Sätze lesen, auf die hierzulande nur allzu oft und gern ein bedenkenträgerisches und gedankenträges "aber" folgt: "Die Grundlage aller Freiheit ist die Freiheit der Meinung."
Liessmann erfüllt mit seinen essayistischen Interventionen mustergültig die essenzielle Aufgabe eines öffentlichen Intellektuellen, der in Kritik und Widerspruch zu den bestehenden Machtverhältnissen steht und nicht nach unten tritt, sondern nach oben zielt. Das große Heer der aus Verlustangst, Gefallsucht und Unvermögen im Mittelmaß vereinten staats- und parteinahen bundesdeutschen Intellektuellen sollte sich an seiner Kraus'schen Unerschrockenheit, die weder das N-Wort scheut (allerdings nicht um zu provozieren oder zu verletzen, sondern um zu erklären) noch vor dem Begriff Inquisition im Zusammenhang mit der "Cancel-Culture" zurückschreckt, ein Beispiel nehmen.
Der Historiker Koselleck konstatierte schon 1982 "eine Inflation des Wortgebrauchs" der Krise und sah darin selbst ein Krisensymptom. Der Philosoph Liessmann wendet die allgegenwärtige Rede von der Krise dagegen ins Positive: "Die Krise der einen ist immer die Chance der anderen." RENÉ SCHLOTT
Konrad Paul Liessmann: Was nun? Eine
Philosophie der Krise.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025. 238 S.
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