Der Schreibstil und die Protagonistin haben mir den Zugang zum Buch erschwert.
"Tutto bene" ist Laura Wagners Debütroman und handelt von einer Frau in ihren Zwanzigern, die mit dem Leben, vor allem aber mit sich selbst hadert.Die Protagonistin Emma jobbt im Späti und bekommt in ihrem Leben nichts auf die Reihe. Eine Tasse mit Alkohol hat sie heimlich unter dem Tresen versteckt, nur so hält sie ihren Alltag aus. Doch dann kommen Menschen in ihr Leben, die ihr einen Spiegel vorhalten: die 15-jährige Ingrid, altklug und sehr weise, und der "Matrose" Leo, für den es sich lohnt, sein Leben in geregelte Bahnen zu lenken. Schafft Emma den Absprung?Obwohl sich das Buch schnell lesen lässt, fand ich das Lesen an sich anstrengend. Der Schreibstil wirkt eher tagebuchartig, teilweise abgehakt, durchtränkt mit Anglizismen. Mir war es tatsächlich zu viel des Guten und ich hatte das Gefühl, die Sätze finden keinen richtigen Rhythmus. Man kann den Schreibstil natürlich auch als locker, ehrlich und modern beschreiben. Mir hat er in diesem Fall nicht so zugesagt. Obwohl ich im selben Alter wie die Protagonistin Emma sein dürfte, habe ich mich ständig gefragt, ob die Gespräche wirklich so authentisch sind, wie sie dargestellt werden. Das Wort "cheesy", das Laura Wagner inflationär gebraucht, kommt jedenfalls nicht in meinem Wortschatz vor. Es ist merkwürdig: Ich habe mich beim Lesen zu alt für den Roman gefühlt, obwohl er die Lebenswelt von Menschen in meinem Alter abbilden möchte.Ich mag ja Geschichten mit zerrütteten, depressiven Protagonisten, die ihr Päckchen zu tragen haben. Und Emma ist tatsächlich eine große Baustelle, wie es Ingrid im Buch sagt. Mein Problem war aber, dass ich keinen Zugang ihr gefunden habe. Die Geschichte startet für mich etwas abrupt, Udo und Ingrid werden gleich eingeführt, ohne dass wir Emma zuvor richtig kennenlernen konnten. So bleibt nur der erste grummelige, abweisende Eindruck von ihr. Sie stößt Menschen permanent von sich, beleidigt andere, hat definitiv ein Alkoholproblem, scheint nicht gemacht zu sein für Beziehungen. Ihre Päckchen im Jetzt werden ausführlich erklärt mit der schlimmen Vergangenheit ihres Vaters: Dieser war nie für sie da, hat sich nur für perfektes Aussehen interessiert, Alkohol- und Drogen konsumiert, ist schließlich auf der Straße gelandet. Natürlich ist es für mich beim Lesen nachvollziehbar, wie es zu Emmas Situationen gekommen sein könnte, aber mir erscheint diese Erklärung zu einfach - vor allem weil Emma selbst sie so selbstverständlich zu sehen scheint. Sie erzählt ausführlich von ihrer Vergangenheit, als ließe sich daraus unmittelbar ableiten, warum sie heute so ist, wie sie ist. Ich hatte einfach nie das Gefühl, dass Emma sich wirklich ändern will oder aus ihrem tiefsten Inneren den Wunsch hat, endlich aus ihren schädlichen Mustern auszubrechen. Bestes Beispiel ist der Jäger: Das erste Mal mit ihm ist schon grenzwertig, aber sie bezeichnet es danach als Fehler und weiß, was Leo ihr eigentlich bedeutet. Doch dann kommt es zum zweiten Mal und ich schüttle über diese Protagonistin nur den Kopf. Bis zum Ende braucht sie Alkohol, um Leo zu schreiben. Bis zum Ende hat sie sich nicht ernsthaft mit ihren Themen auseinandergesetzt. Dass der Roman Emma so viele verschiedene psychische Probleme zuteilt, ohne sie wirklich auszuarbeiten, ist einer meiner größten Kritikpunkte.Für mich ist die Beziehung zwischen Emma und Leo nicht ganz nachvollziehbar - schon gar nicht von Leos Seite aus. Schon beim ersten Treffen mit Emma kristallisiert sich heraus, dass sie nicht ganz zugänglich ist, fast schon beleidigend. Das kann man erst mal interessant finden, besonders wenn man sich optisch hingezogen fühlt und den Menschen noch etwas kennenlernen will. Aber spätestens nach der Sache mit Ben würde ich Leo raten: Nimm reißaus! Such dir bitte eine andere! Und ich weiß nicht, ob das die Intention der Autorin gewesen ist. Die Beziehung soll offenbar Emmas Weg für Veränderung ebnen, aber dafür müsste Leo erst mal eine Seite an Emma erkennen, die mir der Roman leider nicht gezeigt hat. Emma ist in meinen Augen noch lange nicht bereit für eine ernsthafte Beziehung. Ich glaube, sie hätte genug an sich selbst zu arbeiten und wird ja von außen, vor allem von Ingrid, mehrmals dazu angestoßen.Ingrid ist eine liebenswerte Figur, die das Herz am rechten Fleck hat. Zwischen ihr und Emma gibt es einige schöne Szenen und ich hatte das Gefühl, da ist so was wie geschwisterliche Nähe zwischen den beiden. Aber: Zeig mir doch mal eine 15-Jährige, die sich so aufopferungsvoll um eine vom Leben gebeutelte Mittzwanzigerin kümmert, die sie erst seit ein paar Tagen kennt ...Aber vielleicht soll Ingrid ja gar keine realistische Figur sein, sondern "nur" eine Art literarischer Gegenpart zu Emma. Sie verkörpert dabei Klarheit und Lockerheit, die Emma in ihrem Leben fehlen.Natürlich gibt es auch Dinge, die mir gefallen haben, beispielsweise die zahlreichen Anspielungen auf zeitgenössische Musik wie Coldplay, Wir sind Helden, Max Herre und Literatur wie Daniel Schreiber oder Yuval Noah Harari - und natürlich auch nicht ganz so zeitgenössische wie Goethe und Mozart. Zwei Passagen habe ich mir dazu sogar markiert, weil ich sie so gut fand: "Emma, du spinnst. Du bist doch kein Erdbeben. Du bist E. Echt wie Pur." [...] Ingrid nimmt mich mit ins Abenteuerland.""Erst mal weiter an Gröni halten, auf den ist Verlass. Der findet, ich bin Mensch."Mit ausreichend Vorwissen lassen sich im Text viele kleine und große Schmankerl entdecken.Und natürlich ein weiterer Pluspunkt: Leo ist Buchhändler. Was kann es Schöneres geben?Ich hatte es jetzt also zweimal hintereinander mit schwierigen Protagonisten zu tun. Einmal in "Super einsam" und jetzt in "Tutto bene". Zwei Menschen Mitte zwanzig mit Alkoholproblem, die ihren Platz nicht richtig gefunden haben und mit dem Leben kämpfen. Während ich sehr mit Vito mitgefühlt habe, fand ich Emma größtenteils nervig. Kurzum: Ich bin einfach nicht gerne mit ihr "mitgegangen". Was das für mich heißt? Ich brauche nicht unbedingt eine sympathische Hauptfigur, aber ich brauche eine Hauptfigur, deren innere Beweggründe ich nachvollziehen kann.Gerade weil die Ausgangslage eigentlich genau meinem Lesegeschmack entspricht, finde ich es schade, dass mich die Geschichte letztlich nicht erreichen konnte.