Historischer Krimi aus München - mehr Gesellschafts- und Sozialstudie als klassische Verbrecherstory
Gute Krimis geben uns einen tieferen Einblick in die Zeit und die Gesellschaftsstruktur, in der sie spielen. Wem wir ans Leder gehen und aus welchen Gründen, wer es wofür riskiert bestraft zu werden, welche Verbrechen wir aufklärenswert finden, all das sagt vielleicht mehr über unser Zusammenleben und unsere soziale Struktur aus als manche soziologische oder historische Abhandlung.Dabei können interessante und raffinierte Kriminalgeschichten eigentlich nur in reifen Gesellschaften spielen, in der relativ viele Leute über Freiheit und Wohlstand verfügen. Täter und Opfer müssen Individuen sein, deren Einzelschicksal die Untersuchung und Bestrafung lohnt, und die Untersuchung so verzwickt und wendungsreich, dass wir sie zur Unterhaltung gerne lesen. Es ist kein Zufall, dass der Kriminalroman im 19. Jahrhundert zeitgleich mit dem Aufstieg und der Emanzipation des Bürgertums entstanden ist, beginnend mit Geschichten, die in den Oberschichten spielen (wo es sich zu morden lohnt) und mit der zunehmenden Egalisierung unserer Gesellschaft in beinahe allen Schichten heimisch geworden ist. Wenn ein Neandertaler dem anderen die Büffelkeule klaut oder der SS-Mann den KZ-Häftling erschießt, dann gibt das keinen Stoff für einen guten Krimi.Lotte Kinskofer führt uns mit 'Zum Sterben zu viel' ins München des Jahres 1922 und damit in einer Gesellschaft im Umbruch, die sich fantastisch für Kriminalgeschichten eignet. Auf der Suche nach Arbeit und Freiheit und ein bisschen Wohlstand strömen die Leute von den Bauernhöfen auf dem Land in die Stadt. Der Krieg und die Revolution haben auf dem Papier Standesunterschiede aufgehoben, die aber natürlich faktisch immer noch bestehen. Es gibt Herrschaften und Dienstboten, aber man spürt, dass die starre Ordnung nicht mehr lang bestehen wird. Die Inflation macht allen zu schaffen und wird die Sozialstruktur noch einmal durcheinanderwirbeln, wenn auf einmal Glücksritter und Spekulanten obenauf schwimmen, während im etablierten Bürgertum manche Existenz durch den Wertverlust des Geldes vernichtet wird.Diesen Zeitgeist gießt die Autorin geschickt und leicht in ihre Story. Lotte Kinskofer ist historisch bewandert, und sie hat Drehbücher für Telenovelas und Seifenopern verfasst: Wie Charaktere aussehen müssen, wie sie zueinander stehen, wie sie sich wechselseitig entwickeln, das hat sie drauf und das macht sie routiniert und gut. Da ist die vermutlich stärkste Figur des Romans, Agnes, die Frau des Schreiners Benno, der im Verdacht steht, den dubiosen Heimatdichter Carus von Waldfels aus Eifersucht erstochen zu haben. Wie sie sich um die Existenz sorgt, die Kinder, die noch bei Verwandten auf dem Land leben, wie sie um die Freilassung ihres Mannes kämpft, das ist schon großes Kino.Die Charaktere sind gelungen in Szene gesetzt, das Ensemble ist im Ganzen stimmig. Nicht bei allen Figuren gelingt die Annäherung gleichermaßen. Ermittler Wurzer bleibt für meine Begriffe blass, da kann er noch so um seine im Krieg gefallenen Söhne trauern, und der intellektuelle, extrem reflektierte preußische Anwalt Strate, der Benno verteidigt und zugleich mit seiner schwermütigen Gattin als Nachbar des Opfers im Villenviertel von Pasing wohnt, wirkt mir im Laufe der Geschichte (ich will nicht spoilern) erst zu aufgesetzt und dann ein wenig aus dem Ruder geraten.Man verfolgt also beim Lesen die Schicksale der Figuren mit Interesse und Empathie, man will, dass alles gut ausgeht - und darüber gerät der eigentliche Kriminalfall in den Hintergrund. Der Ermittler läuft mehr so nebenher, während die Konflikte sich zwischen den übrigen Figuren abzeichnen und abspielen. Die Auflösung erscheint dann zum Ende ein bisschen zu unwahrscheinlich und zufallsgetrieben, und Tat und Motiv werden zwar psychologisch begründet, aber so recht überzeugen wollen sie mich dann doch nicht.Gern gelesen, keine Frage, aber mehr als historische Liebesgeschichte und Gesellschaftsstudie denn als klassischen Kriminalroman.