kaum Tiefgang, sehr trivial, einfachste Unterhaltung, nix für mich
Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich wohl mit den falschen Erwartungen an "Anatomie der Einsamkeit" herangegangen bin. Der Titel ließ mich anspruchsvolle Gegenwartsliteratur erwarten, bekommen habe ich jedoch bestenfalls einen Unterhaltungsroman mittlerer Qualität.Dabei beginnt das Buch ausgesprochen stark. Der Prolog, in dem die letzten Gedanken einer jungen Frau geschildert werden, die sich im Meer das Leben nehmen möchte, hat mich tief bewegt. Diese wenigen Seiten sind berührend, atmosphärisch dicht und sprachlich überzeugend - umso enttäuschender, dass der Roman dieses Niveau anschließend kaum halten kann.Schon nach wenigen Kapiteln häufen sich Formulierungen, die auf mich reichlich abgedroschen wirken. Sätze wie "Stille war manchmal die schlimmste Art von Lärm" lesen sich eher wie Kalendersprüche, und Bemerkungen über Frauen, denen in High Heels "die Höhenluft nichts ausmachte", treffen meinen Humor überhaupt nicht.Auch die Figuren konnten mich nicht überzeugen. Sie bleiben weitgehend eindimensional, der Plot wirkt konstruiert und ist - vom Finale einmal abgesehen - über weite Strecken vorhersehbar. Besonders der Handlungsstrang um die junge, erfolglose Journalistin Olive war für mich nur schwer zu ertragen, weil die Figur so platt gezeichnet ist. Claire, die erfolgreiche US-amerikanische Anwältin, besitzt zwar etwas mehr Tiefe, bedient letztlich aber ebenfalls zahlreiche Klischees: wohlhabend, karriereorientiert und ausgerechnet in einen verheirateten Mann verliebt.Wirklich geärgert hat mich jedoch der Umgang mit den historischen Bezügen. Als sich herausstellt, dass eine Großmutter Mitglied im Bund Deutscher Mädel war, ist die Bestürzung der englischen Verwandtschaft zwar groß - eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der Familiengeschichte bleibt jedoch aus. Ähnlich oberflächlich empfand ich die Darstellung der Rettung dänischer Jüdinnen und Juden während der nationalsozialistischen Besatzung. Beide Themen hätten deutlich mehr Differenzierung und Tiefgang verdient.Schade, denn der Roman zeigt zu Beginn durchaus, welches Potenzial in ihm steckt. Für mich konnte er dieses Versprechen jedoch nicht einlösen. Statt eines literarisch anspruchsvollen Romans blieb am Ende ein vorhersehbarer, sprachlich oft schwacher Unterhaltungsroman, der mich weder emotional noch gedanklich nachhaltig erreicht hat. Unterm Strich war die Lektüre für mich leider kaum Lesegenuss, sondern eher verschwendete Lebenszeit.