Ein Roman, um die Zeit zu vergessen und tief in eine andere Welt einzutauchen
Das Original dieses Romans der vielfach preisgekrönten kanadischen Autorin erschien im Jahr 2000 unter dem Titel "The Blind Assassin". Für mich ist es der erste Roman von Margaret Atwood.Den Beginn fand ich schon mal sehr verwirrend, da sich da in Kapitel I und II, scheinbar erst einmal ohne Sinn, Todesnachrichten abwechselten mit Szenen von den heimlichen Treffen eines Liebespaares, wobei der Mann der Frau Geschichten vom Leben auf dem Planeten Zykron und der Stadt Sakiel-Norn erzählt. Doch bald entwirrt sich das und der Leser durchschaut, dass die Todesnachrichten jeweils ein Mitglied aus der Familie Griffen oder Chase betreffen, um die sich der ganze Roman dreht. Bei den Teilen mit dem Liebespaar handelt es sich um den Roman, den angeblich die Autorin Laura Chase hinterlassen hat. In Kapitel III wird die Geschichte dann in der Ich-Form aus der Sicht der mittlerweile greisen Schwester von Laura und Witwe des Industriellen Richard E. Griffen, Iris Griffen, geb. Chase, erzählt, die zudem alles notiert, um das Ganze ihrer Enkelin Sabrina zu übergeben. Und Kapitel IV folgt wieder dem Rhythmus, den wir aus I und II. Und so geht es immer weiter.Das ist natürlich eine sehr raffinierte Romankonstruktion, aber ehrlich gesagt fand ich die Abschnitte, in denen es um den Roman der verstorbenen Laura Chase geht, auch wenn ich mich ständig gefragt habe, wer wohl die Frau in dem Roman ist, ziemlich langweilig.Der Inhalt überspannt einen Zeitraum von über 100 Jahren von der Errichtung einer Knopffabrik im Jahr 1870 bis kurz vor dem Tod der Ich-Erzählerin im Jahr 1999. Ein Schwerpunkt liegt in den 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts.Margaret Atwood schreibt in einer poetischen, geschliffenen Sprache unter Benutzung sehr gelungener Metaphern. Dieser Stil ist sehr angenehm zu lesen und hat mir extrem gut gefallen. Beispielweise formuliert sie die Entfremdung der Eltern der Ich-Erzählerin nach dem Ende des 1. Weltkriegs folgendermaßen: "Es war, als hätten sie einen verhängnisvollen Trank zu sich genommen, der sie für immer voneinander fernhielt, obwohl sie im selben Haus lebten, am selben Tisch aßen, im selben Bett schliefen."(BvT, 10/2009, S. 110) Bisweilen lässt die Autorin auch Humor und/oder Sarkasmus durchscheinen und zwischendurch ist der Humor auch mal rabenschwarz, z.B. wenn sie schreibt: "Inzwischen war sie auf der anderen Seite von abgetakelt angelangt." (ebd., S. 650) Da ist eindeutig jemand am Werk, der die Sprache beherrscht und mit ihr umgehen kann, was man beides ohne weiteres der Übersetzerin Brigitte Walitzek ebenfalls bescheinigen kann.Ein richtig fetter Roman, bei dessen Lektüre man alles um einen herum vergessen und in eine andere Welt eintauchen kann. Vier Sterne.