Mit Krakenkind setzt Maria Grund ihre Reihe um Sanna Berling fort, geht dabei aber erneut ein Stück zurück in deren Vergangenheit. Die Handlung spielt im Spätsommer 1996 im kleinen schwedischen Ort Augu - und schon nach wenigen Seiten ist klar, dass hinter der scheinbar friedlichen Fassade einiges verborgen liegt. Gerade diese Mischung aus sommerlicher Idylle und unterschwelliger Bedrohung hat mir von Anfang an richtig gut gefallen.Eigentlich steht Sanna kurz vor einem Neuanfang. Sie möchte Småland verlassen und zu ihrem Freund nach Gotland ziehen. Gedanklich ist sie also beinahe schon weg, als ein brutales Verbrechen ihre Pläne durchkreuzt. Eine Frau wird schwer misshandelt, und zunächst gibt es kaum etwas, woran sich die Ermittlungen festhalten könnten. Für Sanna kommt Wegfahren allerdings nicht infrage, solange dieser Fall ungeklärt ist. Je länger sie sich mit den Menschen in Augu beschäftigt, desto deutlicher wird, dass hier fast jeder etwas verschweigt.Was mir besonders gefallen hat, ist die ausgesprochen düstere Grundstimmung. Krakenkind ist kein Thriller, der ständig mit Action oder spektakulären Wendungen um sich wirft. Die Geschichte arbeitet viel stärker mit einem permanenten Gefühl des Unbehagens. Man spürt beim Lesen eigentlich die ganze Zeit, dass unter der Oberfläche etwas faul ist. Selbst scheinbar alltägliche Begegnungen bekommen dadurch etwas Bedrohliches.Der Fall entwickelt sich bewusst langsam. Das muss man mögen, denn gerade in der Mitte nimmt sich Maria Grund sehr viel Zeit für ihre Figuren und deren Geschichten. Mich hat das größtenteils nicht gestört, weil dadurch nach und nach ein immer dichteres Geflecht aus Beziehungen, Lügen, Schuld und verdrängten Ereignissen entsteht. Trotzdem gibt es einige Passagen, in denen ich mir etwas mehr Tempo gewünscht hätte. Gerade weil der Einstieg so stark ist, fällt auf, wenn die Ermittlungen zwischendurch etwas auf der Stelle treten.Hinzu kommen die vielen Perspektivwechsel. Fast ständig begleitet man eine andere Figur, wodurch man sehr unterschiedliche Einblicke in Augu und seine Bewohner bekommt. Anfangs musste ich mich allerdings erst einmal sortieren, weil ziemlich viele Namen und Lebensgeschichten auf einen zukommen. Sobald man die Figuren auseinanderhalten kann, zahlt sich diese Erzählweise jedoch aus. Man beginnt automatisch, Verbindungen herzustellen und zu überlegen, wer lügt, wer etwas weiß und welche Geschichte möglicherweise mit dem Verbrechen zusammenhängt.Sanna selbst gefällt mir dabei wieder ausgesprochen gut. Sie ist keine glattgebügelte Ermittlerin, die immer genau weiß, was zu tun ist. Sie hat Zweifel, trifft Entscheidungen aus dem Bauch heraus und muss gleichzeitig mit ihrem eigenen Leben klarkommen. Gerade weil ihr eigentlich ein privater Neuanfang bevorsteht, bekommt der Fall zusätzlich Gewicht. Man merkt, dass sie nicht einfach abschalten und weiterziehen kann, solange sie das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt.Auch die zeitliche Verortung im Jahr 1996 funktioniert hervorragend. Ermittlungen laufen noch deutlich anders ab als heute. Smartphones, schnelle Datenbanken und digitale Abkürzungen spielen keine Rolle. Stattdessen müssen Gespräche geführt, Menschen beobachtet und widersprüchliche Aussagen miteinander verglichen werden. Das macht die Geschichte für mich stellenweise fast mehr zu einem klassischen Kriminalroman als zu einem rasanten Thriller - was überhaupt nicht negativ gemeint ist.Inhaltlich geht Maria Grund dabei teilweise ziemlich schweres Gelände. Gewalt, Missbrauch, Abhängigkeiten, gesellschaftliche Ausgrenzung und Menschen, die mit alten Verletzungen weiterleben müssen, sorgen dafür, dass Krakenkind keine leichte Unterhaltung ist. Vieles davon wird nicht unnötig ausgeschlachtet, aber die Auswirkungen auf die Figuren sind jederzeit spürbar. Dadurch entsteht eine bedrückende Stimmung, die mir wesentlich nachhaltiger im Gedächtnis geblieben ist als irgendeine besonders blutige Szene.Sehr gelungen fand ich auch, wie sich die zunächst voneinander getrennt wirkenden Handlungsfäden nach und nach verbinden. Lange glaubt man, bestimmte Zusammenhänge erkannt zu haben, nur damit sich die Geschichte wieder in eine andere Richtung bewegt. Gerade im letzten Abschnitt zieht das Tempo deutlich an. Die Auflösung konnte mich tatsächlich überraschen, auch wenn mir das Finale im Verhältnis zum eher gemächlichen Mittelteil beinahe etwas zu schnell abgehandelt wurde. Da hätte ich mir nach dem langen Aufbau ein wenig mehr Raum gewünscht.Das Cover gefällt mir ebenfalls ausgesprochen gut. Die schwarzen Tentakel vor dem fast weißen Hintergrund wirken zunächst ungewöhnlich schlicht, gleichzeitig aber sofort bedrohlich. Der kräftige pinkfarbene Titel setzt einen starken Kontrast und macht das Buch schon optisch sehr auffällig. Besonders schön finde ich, dass sich die Gestaltung klar in die bisherigen Titel der Reihe einfügt, ohne einfach nur dasselbe Motiv zu wiederholen.Unterm Strich ist Krakenkind für mich ein sehr atmosphärischer, ungewöhnlich bedrückender skandinavischer Thriller, der stärker von seinen Figuren und seiner Stimmung lebt als von Daueraction. Der Mittelteil hätte für meinen Geschmack etwas gestrafft werden können und bei der Vielzahl an Perspektiven braucht man zunächst etwas Konzentration. Dafür bekommt man einen vielschichtigen Fall, interessante Charaktere und eine Geschichte, die immer unangenehmer unter die Oberfläche einer vermeintlich friedlichen Gemeinde blickt.Gerade die Mischung aus ruhiger Ermittlungsarbeit, düsterer Atmosphäre und menschlichen Abgründen hat mir gefallen. Nicht der temporeichste Band, aber einer, dessen Stimmung lange hängen bleibt - und dessen Ende einige der vorher gelegten Spuren noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lässt.Für mich ein starker, schwerer und stellenweise richtig beklemmender Skandi-Thriller mit kleineren Längen, aber einer überzeugenden Atmosphäre und einer gelungenen Auflösung.¿¿¿¿ von ¿¿¿¿¿