Ich hatte hohe Erwartungen an "Dance of Thieves" - Mary E. Pearson hat mit der "Remnant Chronicles"-Trilogie bewiesen, dass sie komplexe Fantasy-Welten erschaffen kann. Und ja, dieses Buch hat definitiv seine Stärken, auch wenn es nicht ganz an ihre vorherigen Werke heranreicht.Kazi ist eine Protagonistin, die mich von der ersten Seite an fasziniert hat. Ihre Entwicklung von der Straßendiebin zur Rahtan in der Leibgarde der Königin bietet so viel Potential für Charaktertiefe - und Pearson nutzt das größtenteils auch. Kazi ist keine perfekte Heldin, sie trägt ihre Vergangenheit mit sich, zweifelt, kämpft mit ihrer Loyalität. Genau diese Vielschichtigkeit macht sie glaubwürdig.Jase als männlicher Protagonist steht ihr in nichts nach. Der Anführer der Ballenger-Familie ist charismatisch, ohne dabei ins Klischeehafte abzurutschen. Die Chemie zwischen den beiden funktioniert, weil beide eigenständige Charaktere mit eigenen Zielen und Konflikten sind - nicht nur romantische Gegenstücke.Das Worldbuilding hat mich positiv überrascht. Die Welt von Venda und die Grenzregion mit den Ballengers fühlen sich authentisch an. Pearson zeigt uns eine Gesellschaft mit eigenen Regeln, Traditionen und politischen Verstrickungen. Besonders die Ballenger-Familie mit ihrer komplexen Hierarchie und den ungeschriebenen Gesetzen hat mich interessiert - das ist handwerklich sauber aufgebaut.Aber - und hier kommt mein Lektorinnen-Auge zum Tragen - das Pacing schwächelt stellenweise erheblich. Die erste Hälfte nimmt sich sehr viel Zeit für das Setup, manchmal zu viel. Es gibt Passagen, in denen die Handlung fast stillsteht, während wir uns in Beschreibungen und inneren Monologen verlieren. Für einen Fantasy-Thriller, der mit Spannung und Verrat wirbt, fehlt es über weite Strecken an echter Dringlichkeit.Die Romanze zwischen Kazi und Jase entwickelt sich organisch, keine Frage. Aber sie nimmt so viel Raum ein, dass die eigentliche Mission - die Verräter zu finden - manchmal zur Nebensache wird. Das ist schade, denn die politischen Intrigen und der Konflikt zwischen Loyalität und persönlichen Gefühlen hätten mehr Gewicht verdient.Was mich als Autorin beeindruckt: Pearson schafft es, beide Perspektiven - Kazi und Jase - so zu schreiben, dass sie sich tatsächlich unterscheiden. Die Stimmen verwischen nicht, jeder Charakter behält seine Eigenheit. Das ist schwieriger, als es klingt, und hier zeigt sich echtes Handwerk.Der Cliffhanger am Ende macht definitiv neugierig auf den zweiten Band. Pearson setzt hier geschickt einen Spannungsbogen, der über dieses Buch hinausreicht. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass die Handlung im ersten Band selbst etwas straffer und zielgerichteter verläuft."Dance of Thieves" ist solide Fantasy mit starken Charakteren und überzeugendem Worldbuilding. Wenn ihr Geduld für langsameres Pacing mitbringt und Charakterentwicklung über Action stellt, werdet ihr dieses Buch lieben. Für mich waren es am Ende 4 von 5 Sternen - mit Luft nach oben für den zweiten Band.