Ein beklemmender, psychologisch scharfer Roman über Trauma, Klasse & mediale Gewalt. Thematisch beeindruckend, emotional aber distanziert.
"Kleine Schwächen" von Megan Nolan ist am 17.02.2026 bei Kjona Verlag erschienen und wurde von Stefanie Ochel aus dem Englischen übersetzt. Der Roman erzählt von der zehnjährigen Lucy, die Anfang der 1990er-Jahre verdächtigt wird, ein anderes Kind ermordet zu haben. Während die Medien sich auf den Fall stürzen, geraten vor allem Lucy und ihre Mutter Carmel ins Zentrum einer gnadenlosen öffentlichen Hetzjagd - geprägt von Klassismus, Misogynie und Fremdenhass.Meine MeinungIch habe mich sehr auf dieses Buch gefreut, weil die Themen unglaublich stark und relevant klangen - und genau das sind sie auch. Megan Nolan schreibt scharf beobachtend über gesellschaftliche Gewalt, über Armut, Scham, weibliche Zuschreibungen und darüber, wie schnell Menschen zu Projektionsflächen gemacht werden. Besonders die Dynamik zwischen öffentlicher Wahrnehmung und tatsächlicher Menschlichkeit fand ich erschreckend gut dargestellt.Gleichzeitig muss ich aber ehrlich sagen: Emotional hat mich das Buch leider nie ganz erreicht. Die Figuren blieben für mich über weite Strecken sehr distanziert und teilweise auch unsympathisch. Gerade dadurch fiel es mir schwer, wirklich mit ihnen mitzugehen oder eine tiefere Verbindung aufzubauen. Vielleicht war genau diese emotionale Kälte sogar beabsichtigt - schließlich erzählt Nolan von Menschen, die von ihrem Umfeld entmenschlicht werden. Trotzdem hat es mit dafür gesorgt, dass bei mir der berühmte Funke nicht ganz übergesprungen ist.Was ich wiederum sehr gelungen fand, war die Darstellung von weiblicher Scham und gesellschaftlichen Erwartungen: "Da blieb kaum je Zeit, einmal tiefer in sich zu gehen und dem Verdacht nachzuspüren, der sich seit einiger Zeit in ihr regte, nämlich dass sie ein interessanter Mensch war." (S. 49)FazitAm Ende bleibt für mich ein wichtiges, kluges und unbequemes Buch, das viel zu sagen hat - auch wenn es mich persönlich emotional nicht abholen konnte. Für alle, die literarische Gesellschaftsromane über Klasse, Trauma, mediale Gewalt und komplexe Frauenfiguren mögen. Wer stark charaktergebundene, emotionale Nähe sucht, könnte eventuell ähnlich empfinden wie ich. Vielen Dank an den Kjona Verlag & an netgalley.de für das digitale Rezensionsexemplar!