Da ich im Moment eine Römische Phase habe, komme ich nach Die Kaiser von Rom (Mary Beard) und Fulvia (Jane Draycott) an diesem hier, das die schmutzige Seite der Antike zum Thema hat, nicht vorbei.
Historiker Michael Sommer, von dem ich schon Mordsache Caesar gelesen habe, hat mich auch mit diesem Buch gefesselt. Natürlich ist mir bekannt, dass die reichen und schönen Römer (absichtlich die männliche Form, da Römerinnen mit wenigen Ausnahmen nichts zu sagen haben) nur eine kleine elitäre Schicht gewesen sind, deren Reichtum nicht vom Himmel gefallen ist, sondern häufig durch schmutzige Tricks erworben.
Mit detaillierter und penibler Recherche, geht Sommer dem antiken Rom abseits von Glamour, Marmor, Purpur und Gold nach. Er entführt uns in suburba, wo die insulae, jene mehrstöckigen, wackeligen Wohnhäuser, die, weil teilweise aus Holz errichtet, häufig einem Brand zu Opfer fallen und dabei gleich ganze Bezirke einäschern. Hier stellt sich die Frage, ob Immobilienspekulanten dem Vorschub geleistet haben? Statt baufälliger Mietshäuser lassen sich prachtvolle Villen inklusive Gärten sehr viel besser verkaufen.
Doch es sind nicht nur die prekären Wohnverhältnisse, die ganze Familien ausgerottet haben, weil sie dicht an dicht gewohnt haben und sich gegenseitig mit tödlichen Krankheiten angesteckt haben. Auch der Tiber, in den alle Abfälle, von menschlichen Exkrementen über Tierkadavern bis hin zu menschlichen Leichen, geworfen werden, verbreiten übelste Gerüchte und Krankheiten wie Cholera und Typhus, weil aus ihm Trinkwasser entnommen und die Wäsche darin gewaschen wird. Man mag sich den Gestank gar nicht vorstellen!
Doch das ist nicht das einzige, das Rom den zweifelhaften Ruf der Dirty City einbringt: Es sind vor allem die Mächtigen, die Frauen, Sklaven und jene Menschen am Rande der Gesellschaft wie den sprichwörtlich letzten Dreck behandelt. Und wer Macht hat, missbraucht sie. Korruption, Vetternwirtschaft und Wahlmanipulation grassieren - alles keine Erfindungen der Neuzeit. Der größte Teil der Menschen sind Analphabeten und daher auf Hörensagen angewiesen, was sie stets höchst mangelhaft informiert, ständig Gerüchten und Fake News ausgesetzt sein lässt.
Nur ganz wenigen gelingt es, aus der suburba und den insulae zu entkommen - Gaius Iulius Caesar ist einer davon. Umgekehrt ist es ein Leichtes, vom wohlhabenden Bürger Roms ins Elend abzurutschen.
Wie häufig, zahlt die Mehrheit der Bevölkerung den Wohlstand einer Minderheit, mit dem eigenem Elend. Wer allerdings glaubt, solche Verhältnisse gäbe es nur in Rom, wird hier eines besseren belehrt. Da der Autor das Buch "Wirtschaftsgeschichte der Antike" geschrieben hat, kann er für dieses hier aus dem Vollen schöpfen.
Ich mag den Schreibstil des Autors, der niemals belehrend ist. Beinahe (aber nur beinahe) im Plauderton erzählt er über das dreckige Rom, das immer im Schatten des weißglänzenden Marmors steht. Wer sich mit dem Rom der Thermen und Triumphbögen auseinandersetzt, darf auf den zur Kloake verkommenen Tiber nicht vergessen.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Buch, das ein etwas anderes Rom zeigt, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.