Wer hat, dem wird noch gegeben
"Wer hat, dem wird noch gegeben." Das ist die Erfahrung, die Casey Han, Tochter koreanischer Flüchtlinge, machen muss. In armen Verhältnissen in New York aufgewachsen, macht es sich die junge Frau immer wieder selbst schwer: Mal durch ihre Sturheit, es selbst schaffen zu wollen, mal, weil ihr (Wunsch-)Lebensstil im Kontrast zu dem ihrer sehr religiösen, traditionsbewussten und hart arbeitenden Eltern steht, mal, weil sie die modebegeisterte junge Frau ihre Ausgaben nicht kontrollieren kann, vor allem, weil sie etwas orientierungslos zwischen zwei Welten steckt. Dennoch schafft sie den Schritt in Richtung Wallstreet, schnuppert sozusagen den Duft des Geldes, bleibt aber auch immer außen vor.Nicht nur durch den Blick ihrer Protagonistin lässt die Autorin uns Leser einen Blick in einen eigenen Kosmos in New York werfen, zeigt vor allem Frauen, die mühsam lernen müssen, für sich einzustehen und zu erkennen, was sie wollen und was ihr Weg im Leben ist; mit vielen Perspektiven (die Autorin springt übrigens auch in die männlichen Rollen) ermöglicht Min Jin Lee einen umfangreichen Blick in Casey Hans Welt. Dabei geht es neben Tradition, Geldsorgen, sozialen Aufstieg usw. auch viel um Beziehungen und Begegnungen. Das ist für mich eine große Stärke des Buchs. Zeitweise tat ich mir wirklich schwer mit den Entscheidungen, die die Figuren getroffen oder nicht getroffen haben, aber am Ende bleiben sie dabei immer sehr echt und auf ihre eigene Art auch logisch. Viele wirken auf mich schlicht getrieben.Mit über 800 Seiten ist es natürlich auch ein sehr umfangreiches Buch, das man aber mühelos wegliest. Es stand nun schon eine Weile in meinem Regal und bin froh, die Muse gefunden zu haben, den Roman zu lesen.